Foto Veranstaltung "Queere Menschen mit BeHinderung"

Foto: Paula Panke

Paula Talk: Queere Menschen mit BeHinderung

Am 12. November 2021 sprachen wir in unserer Reihe „Pankow ist Queer“ über das Thema „Queere Menschen mit BeHinderung“. Als Gäst*innen waren die queerfeministische Aktivist*innen Ari Althaus und Verena Eder dabei, die sich seit Jahren für queere Personen, die beHindert werden, einsetzen. Das Gespräch wurde von Mitfrau Linda Ann Davis moderiert und per YouTube live übertragen und wird simultan von Gebärdendolmtscher*innen übersetzt.

Gesellschaftliche Barrieren

Menschen die BeHindert werden, sind von Ableismus betroffen.  Damit ist die Diskriminierung von Menschen gemeint, denen bestimmte Fähigkeiten aufgrund von körperlichen, geistigen oder kognitiven Merkmalen abgesprochen werden. Diese Diskriminierung wirkt strukturell auf verschiedenen Ebenen. Strukturelle Diskriminierung bezeichnet das Ineinandergreifen diskriminierender Praxen auf individueller, kultureller und institutioneller Ebene. Man spricht lieber von Menschen, die beHindert werden, da es die Gesellschaft ist, die die Betroffenen daran hindert, bestimmte Dinge zu tun. Menschen, die beHindert werden, müssen häufig ihre Bedarfe anmelden. Für sie muss die Gesellschaft etwas „extra“ bereitstellen. Es wäre besser, wenn diese Hilfen/Ausstattungen überall obligatorisch wären, sodass betroffene Menschen sich auch spontan entscheiden könnten, Dinge des Alltags zu tun oder an Ereignissen des öffentlichen Lebens ohne viel Organisation teilzunehmen.

Intersektion von Queerness und BeHinderung

Wenn Menschen von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind, spricht man von intersektionaler Diskriminierung. Sie sind dann auf verschiedenen Ebenen angreifbar. Sie müssen sich mehr schützen und fühlen sich weniger zugehörig. Ari Althaus und Verena Eder sind „zu“ queer für Räume beHinderter Personen und „zu“ beHindert für Räumer queerer Personen. Es gibt wenig Räume, wo sie einfach sein können. Verena erzählt beispielsweise von Ärzt*innen, die nicht queersensibel genug sind (da sie meistens davon ausgehen, dass man cis und hetero ist) , Die BeHinderung rückt dabei immer wieder in den Vordergrund. Außerdem gibt es in ganz Deutschland nur ca. 30 Therapeut*innen, die in deutscher Gebärdensprache Therapien anbieten. Dass diese dann noch queersensibel sind, ist eher die Ausnahme.

Barrierearme und barrierevolle Räume in Berlin

Ari und Verena moderieren die Gruppe „Queer In “, in der sich Menschen austauschen können, die queer sind und beHindert werden. Die Liste der queeren, barrierearmen Adressen ist nicht besonders lang. Sie nennen den Südblock, das Schwuz, das und die Pride Parade.

An barrierevollen Räumen mangelt es hingegen nicht. Sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortzubewegen ist für Menschen, die beHindert werden, eine echte Herausforderung. Für Rollstuhlfahrer*innen gibt es oft keine Fahrstühle und wenn ja, funktionieren sie häufig nicht. Oft dauert es sehr lange, bis sie wieder repariert werden. Verena erzählt von einem Fahrstuhl zur S-Bahn im Stadtbezirk Friedrichshain, der vier Jahre lang defekt war. In der Zwischenzeit wurde die gesamte East Side Mall gebaut. Alltag ist, dass Rollstuhlfahrer*innen an Stationen, die nicht flach sind, ständig um die Hilfe der genervten Bahnfahrer*innen bitten, um ihnen die Rampe hinzulegen.

Barrierearm bedeutet außerdem, dass Orte zugänglich sein sollten für Menschen, die von verschiedenen Arten von BeHinderungen betroffen sind. Es gibt viele verschiedene Bedarfe innerhalb des BeHindert-werden-Spektrums: Schilder und Anzeigen sollten beispielsweise klar lesbar und groß genug geschrieben sein. Ari als SehbeHinderte Person nennt als nicht gelungenen Ort den Bahnhof Südkreuz. Dort wurden Farben zur Orientierung verwendet.  Viele Menschen erkennen diese aber nicht. Ari kann auch keine Filme im Originalton mit Untertiteln schauen, da diese zu klein sind. Eine Audiodeskription ist für Ari hilfreicher. Zudem gibt es zu wenig Räume für Menschen mit Autismus, in die sie sich zurückziehen könnten, wenn sie eine Reizüberflutung erleben. Diese wären leicht einzurichten.

Forderungen und Wünsche

Wenn es Menschen auffällt, wie barrierevoll ihre Umgebung ist, sollten sie das unbedingt mitteilen. Zum Beispiel können sie  ihrem Stadtbezirk melden, wo Reparaturen nötig sind, beim Bäcker Bescheid sagen, dass die Beschriftung der Backwaren größer ausgeschildert werden sollte oder im Café darauf hinweisen, dass eine Rampe fehlt. Das Gleiche gilt auch für queere Themen, meinen Ari und Verena. In Läden kann zum Beispiel jede*r auf das Gendern hinweisen.

Veranstalter*innen sollten darauf achten, Referent*innen, die beHindert werden, zu unterschiedlichsten Themen einzuladen. So werden sie besser sichtbar.

Aus dem Publikum kamen zum Schluss noch einige Fragen, unter anderem wie man barrierefreie Flyer gestalten kann. Aris Hinweis ist für ausgedruckte Flyer eine Braille-Übersetzung hinzuzufügen. Zudem sollte auf die Farbkombination geachtet werden, da starke Kontraste besser lesbar sind. Besser ist es, auf viele verschiedene Schriftarten zu verzichten. Wichtig sind vor allem eine klare Struktur und kurze, einfache Sätze. Online-Flyer sollten als PDF bereitgestellt werden. Blinde Menschen können diese Inhalte dann mit Programmen wie Screenery auch lesen.

Was Einrichtungen für queere und von Ableismus betroffen Menschen tun können: wenn eine Rampe verfügbar ist oder anderweitig barrierefrei ist, darüber auf der Webseite informieren und spezielle Angebote für Betroffene schaffen. Denn es braucht offene Räume für queere Menschen, die beHindert werden.

Damit queere Menschen, die beHindert werden, sichtbarer sind und sich barriereärmer bewegen können, brauchen sie mehr Raum, um sich Gehör zu verschaffen.  Betroffene sollten sich weniger erklären und um Hilfe bitten müssen. Barrieren müssen nicht nur auf der Straße weggeräumt werden, sondern vor allem in den Köpfen!

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