Wegbereiterinnen in Kasachstan und Deutschland, Bild: Qantars

Wegbereiterinnen in Kasachstan und Deutschland

Die Idee hinter der Ausstellung ist, auch jüngere Generationen auf bemerkenswerte Frauen beider Länder aufmerksam zu machen.

Deshalb werden nicht einfach nur historische Fotos mit einem Text präsentiert.

Profilbild von Qantars bei Instagram

Vielmehr hat die junge kasachische Künstlerin Qantar Samal mit dem Namen Qantars auf Instagram – 20 Porträts von Frauen – je 10 pro Land – aus ihrer Perspektive neugestaltet, die in den letzten 150 Jahren Frauengeschichte geschrieben haben.

Diese Arbeiten werden bewußt zuerst digital präsentiert, da das Internet und Social Media die Kanäle der jungen Generation sind.

Logo von Paula Panke e.V.

Ende November 2021 werden die Arbeiten erstmals auf der Webseite von Paula Panke nach und nach präsentiert, zeitgleich auf den Instagram-Kanälen beider Organisationen in deutscher und russischer Sprache präsentiert.

Für das Jahr 2022 ist geplant, die Porträts in beiden Ländern in einer realen Ausstellung zu zeigen und sich gegenseitig zu besuchen. Außerdem entsteht ein Katalog mit allen Arbeiten und den Biografien der 20 Frauen.





Hier ein kurzes Video des Making-of:

Dinara Assanova ist die Initiatorin des Projekts.

Sie ist Historikerin in Alma-Ata in Kasachstan und absolvierte 2017 ein Praktikum bei Paula Panke in Berlin. Jetzt ist sie Doktorandin. Ihr Ziel ist es, ein Museum zur Geschichte der Frauen in Kasachstan aufzubauen. Seit 5 Jahren erweitert sie ihre Sammlung über Frauen in Kasachstan und beteiligt sich an Ausstellungsaktivitäten und Forschungsarbeiten.

Um die Öffentlichkeit auf die Frauengeschichte Kasachstans aufmerksam zu machen, hat sie ein Online-Museum geschaffen und teilt ihre Sammlung sowie Recherchen auf ihrem Instagram Account „Women of Kazakhstan“

Das Projekt „Wegbereiterinnen in Kasachstan und Deutschland“, das sie gemeinsam mit Paula Panke e.V. organisiert hat, ist ein weiterer großer Schritt zur Sensibilisierung für die Frauengeschichte.

Dinara Assanova, Bild: privat

Frauenporträts

Agnes Wabnitz, Bild: Qantars
Agnes Wabnitz, Bild: Qantars

Agnes Wabnitz (1841 – 1894)
Vorkämpferin für Frauenrechte

Sie gründete mehrere Vereine in Berlin, um die Arbeitsbedingungen von Arbeiterinnen in der Textilindustrie und ihre Löhne zu verbessern. Bei dem ersten Zusammenschluss der Einzelgewerkschaften in Deutschland vertrat sie als Delegierte der Arbeiterinnen deren Rechte.

Weil Frauen keiner Partei beitreten durften, kam Agnes Wabnitz 1886 ins Gefängnis, trat in den Hungerstreik und sollte in eine Nervenheilanstalt eingeliefert werden.

1894 sollte sie wieder eine Haftstrafe antreten. Aus Furcht für unmündig erklärt und in eine Nervenheilanstalt eingeliefert zu werden, nahm sie sich das Leben.

Sie vergiftete sich auf dem Friedhof der Märzgefallenen – dort, wo die Opfer der Revolution von 1848 bestattet waren. Ihr Tod sorgte für viel Anteilnahme. Menschenmassen kamen zu ihrer Beerdigung und legten Kränze ab – viele mehr als auf dem Grab des Kaisers abgelegt wurden.

Ihr Grab auf dem Friedhof der Freireligiösen Gemeinde in der Berliner Pappelallee ist noch heute erhalten.

Ihre Geschichte hat die AG SpurenSuche des Frauenbeirats Pankow im Jahr 2006 in einem gleichnamigen Band veröffentlicht.

Gulsum Asfendiarova (1880-1941)
Ärztin und Initiatorin von Beratungen für Schwangere

Sie war die erste Ärztin, die an der Spitze der Entwicklung der Medizin in der Region Turkestan stand. Sie war Vorreiterin bei der Vermittlung medizinischer Kenntnisse für Frauen, Persönlichkeit des öffentlichen Lebens sowie Autorin von Artikeln über Mutterschaftsprobleme.

Sie wurde in Taschkent geboren. Nachdem sie eine Heimerziehung erhalten hatte, trat sie 1891 in das Taschkenter Frauengymnasium und dann in das Petersburger Frauenmedizinische Institut ein.

Nach ihrem Abschluss arbeitete sie als Ärztin in Chiwa. Dann nahm sie eine Stelle im Kinderkrankenhaus von Taschkent an, wo ihre Assistentin die Absolventin der Zentralasiatischen Universität Akkagaz Doszhanova war.

Gulsum Asfendiyarova initiierte die Eröffnung einer privaten geburtshilflichen und gynäkologischen Abteilung mit 30 Betten in Taschkent und organisierte Frauenkurse für schwangere Frauen. ⠀

Im Jahr 1918 wurden Gulsum Asfendiarova und Akkagaz Doszhanova in Kasan zu Delegierten des Allrussischen Kongresses muslimischer Frauen und dann als Mitglieder des Provisorischen Zentralen Organisationsbüros muslimischer Frauen in Russland gewählt

Gulsum Asfendiarova steht in Krankenschwesterntracht vor einem Babybett mit einem Säugling drin, Bild: Qantars
Gulsum Asfendiarova, Bild: Qantars
Skizze von Akkagaz Doszhanova, Bild: Qantars
Akkagaz Doszhanova, Bild: Qantars

Akkagaz Doszhanova (1893-1932)
Ärztin und Medizinpädagogin

Sie war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der ersten Fachärztinnen der medizinischen Hochschulen, Dozentin und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens.

Akkagaz Doszhanova wurde in der Region Turgai in der kasachischen Provinz Orenburg geboren und absolvierte eine Tatarische Schule. 1914 absolvierte sie auch ein Frauengymnasium. Sie nahm an medizinischen Kursen in Moskau teil und wurde Delegierte des Allrussischen Kongresses der Muslime in Moskau (1.-8. Mai 1917). 1918, während des Bürgerkriegs, wurde sie von den Koltschak-Truppen gefangen genommen und als „Bolschewik“, „Spionin“ und „Aktivistin“ inhaftiert. Durch die Hilfe von Freunden wurde sie bald freigelassen.

1920 trat sie in das Tomsker Medizinische Institut ein und setzte ihre Ausbildung in Taschkent an der Medizinischen Fakultät der Zentralasiatischen Staatlichen Universität (SAGU) fort. Während ihres Studiums arbeitete sie als Ärztin. 1922 richtete die Staatliche Universität Turkestan das Doszhanova-Stipendium für „eingeborene Frauen, Eingeborene von Turkestan“ ein.

Von 1921 bis 1930 unterrichtete Doszhanova Tausende von Schüler*innen im medizinischen und pädagogischen Bereich. Mit dem Stipendium konnten jährlich allein in Taschkent bis zu 3000 Schüler*innen aus 17 Internaten und Waisenhäusern einen Abschluss machen.

Akkagaz Doszhanova leistete nicht nur in der Stadt, sondern auch in den Dörfern eine umfassende medizinische Versorgung. Sie engagierte sich besonders in der Sozial- und Bildungsarbeit für hungernde Menschen, die von der Wolga-Region in die Regionen Zentralasiens umgesiedelt wurden. Von 1930-1931 arbeitete sie als Gynäkologin im Krankenhaus Nr. 1 in Almaty.

Außerdem schrieb sie Texte für die Zeitschriften „Ayel tendigi“ (Frauengleichstellung), der Literaturzeitschrift „Abay“ und der Zeitung „Zhas azamat“ (Junge Bürgerin).

Lotte Hahm (1890 – 1967)
Wegbereiterin für lesbische und trans [vestitische] Subkultur

Lotte Hahm war eine prominente politische und unternehmerische Schlüsselfigur der Lesbenbewegung in der Weimarer Republik.

Sie engagierte sich in der homosexuellen und „trans [vestitischen]“[1] Subkultur Berlins, gründete die ersten Lesbenbars mit fester Anschrift und schaffte viele neue Arbeitsplätze für Gastronom*innen, Performancekünstler*innen und Musiker*innen im Gastronomie- und Unterhaltungsbereich.

1926 gründete sie in Berlin den Damenklub Violetta, dessen Leitung sie auch übernahm. 1929 eröffnete sie außerdem die Monokel Diele und die Manuela Bar.

Sie setzte sich für mehr politische Mobilisierung von Lesben und trans Personen ein, indem sie für die Neugründungen von Klubs sowie für die Vernetzung in anderen Städten und über Ländergrenzen hinweg warb. Hierfür schrieb sie in diversen Zeitschriften wie der Frauenliebe und rief zum Bündnis für ideale Frauenfreundschaften auf.

Zudem schaffte sie solidarische Praktiken. Durch ihre Initiative wurde Geld unter Lesben umverteilt. Arme lesbische Frauen erhielten kostenlosen Eintritt in ihre Klubs und bekamen zum Teil den Erlös eines Abends geschenkt.

[1] Der Begriff trans (vestitisch) wird aus dem Artikel des Digitalen Deutschen Frauenarchivs übernommen (siehe Quelle).

Lotte Hahm, Bild: Qantars
Lotte Hahm, Bild: Qantars
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