Unsere aktuellen Beratungsangebote

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Liebe Besucher*innen,


um die mögliche Verbreitung des Corona-Virus zu unterbrechen, ist das Frauenzentrum Paula Panke sowie der Frauenladen Weißensee nur eingeschränkt für den Publikumsverkehr geöffnet.

Ab dem 2. November 2020 finden bis auf weiteres

  • KEINE Gruppen statt,
  • Veranstaltungen ausschließlich ONLINE,
  • Exkursionen nur in Absprache mit den Teilnehmerinnen.

Die Sozial-, Lebens- und Rechtsberatungen finden weiterhin 1:1 vor Ort statt.

Beim Betreten unserer Räume gelten unsere Hygiene-Regeln.


Für eine Beratung vereinbart bitte vorher einen Termine per Telefon zu folgenden Zeiten :

Standort Pankow: Tel. 030 / 485 47 02
Mo: 10.00 – 12.00 Uhr
Di: 16.00 – 18.00 Uhr
Do: 10.00 – 12.00 Uhr

An unserem Standort in Weißensee berät dich unsere Mitarbeiterin in folgenden Zeiten:

Standort Weißensee Tel. 030 / 96 06 37 61

Mo: 14.00 – 16.00 Uhr
Di: 15.00 – 17.00 Uhr
Do: 10.00 – 13.00 Uhr

Winter-Spenden-Aktion vom 28. 09. bis 30. 10. 2020

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Wir sind wieder Sammelstelle für die Winter-Spenden-Aktion von Wir packen’s an. Die Nothilfe-Initiative sammelt für geflüchtete schutzsuchende Menschen auf dem Balkan, Lesbos, Chios, Patras, Athen, Thessaloniki und für Rojava/Syrien Sach- und Geldspenden ein und bringt sie selbst zu den Menschen, die sie dringend benötigen.

Bitte bringt nur Dinge, die auf der Bedarfsliste stehen. Ihr könnt sie hier sehen und als PDF-Dokument herunterladen.

Bitte gebt eure Sachspenden zu folgenden Zeiten bei uns in der Schulstr. 25 in 13187 Berlin-Pankow ab:


Mo: 10.00 – 12.00 Uhr
Di: 16.00 – 18.00 Uhr
Do: 10.00 – 12.00 Uhr

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Paula Talk mit Hannah El-Hitami „Die unterdrückte Andere – der westliche Blick auf muslimische Frauen“

Am Mittwoch, den 21.10.2020 fand unser fünfter Paula Talk statt. Diesmal hatten wir die freie Journalistin Hannah El-Hitami zu Gast. Unsere Vorstandsfrau Lea Marignoni sprach mit ihr über Feminismus und Islam, ihre Arbeit als Journalistin und die aktuellen feministischen Bestrebungen in Ägypten.

Hannah El-Hitami, die arabische Literatur und Kultur studiert hat, schreibt am liebsten über Gesellschaft und Politik der arabischen Welt, über Migration sowie postkoloniale Perspektiven. Das hat auch einen persönlichen Hintergrund: Ihr Vater ist Ägypter und sie reist häufig nach Ägypten.
Im Moment berichtet Hannah viel aus Koblenz vom weltweit ersten Prozess gegen zwei mutmaßliche Handlanger des syrischen Machthabers Baschar al-Assad vor dem Oberlandesgericht.

Hannah und Lea im Gespräch

Wir brauchen mehr Diversität im Journalismus
Hannah erzählt, dass sie als Frau in Deutschland im Journalismus mit den üblichen Problemen konfrontiert ist: nicht als professionelle Person wahrgenommen oder einfach übergangen zu werden. Das ist in ihren Augen jedoch nicht das Hauptproblem: Ihrer Meinung nach müssten sich deutsche Medien insgesamt mehr mit dem Thema Diversität im Journalismus auseinandersetzen. Die Fragen sind:
– Wer schreibt eigentlich?
– Wer hat Zugang zu journalistischen Ausbildungen und Berufen?
– Sind auch migrantische Stimmen dabei?

Sie bemängelt beispielsweise, dass bei Berichten und Korrespondenzen aus arabischsprachigen Regionen häufig Menschen berichten, die selbst kein arabisch sprechen. Arabischkenntnisse werden oft nicht einmal in Stellenausschreibungen deutscher Medien für Korrespondentenstellen in arabischsprachigen Ländern gefordert. Bei anderen Sprachen wie beispielsweise Spanisch beobachtet sie das nicht.

Hannahs Weg zum Feminismus
Wie sie genau zum Feminismus gekommen ist und seit wann sie sich für feministische Themen interessiert, kann Hannah nicht so genau sagen. Geprägt hat sie jedoch besonders ein halbjähriger Aufenthalt in Kairo nach dem Abitur. Hier erlebte sie viel Belästigung, blöde Sprüche und Blicke in der Öffentlichkeit. Das machte sie wütend und trug dazu bei, sich mit ungleichen Geschlechterverhältnissen auseinanderzusetzen – nicht nur in Kairo, sondern auch in Deutschland.

Wer wird gehört und wer darf sprechen?
Ebenfalls prägend für sie war ihr Masterstudium, in dem sie sich intensiv mit postkolonialen Theorien auseinandersetzte. Dabei geht es darum, mächtige Stimmen, herrschende Machtverhältnisse und eine eurozentristische Perspektive infrage zu stellen. Hannah bemerkte schnell, dass sich dieser Ansatz auf die Verhältnisse zwischen den verschiedenen Geschlechtern übertragen lässt. Vor allem bei den Fragen, wer eigentlich gehört wird sowie wer sprechen kann und darf, herrscht ein klares Machtgefälle zwischen den Geschlechtern.

Eine intersektionale Perspektive ist unerlässlich
Als Journalistin hat Hannah schon einige Frauen mit Migrationshintergrund interviewt. Auf die Frage, inwiefern das zu einer neuen Perspektive auf den Feminismus bei ihr geführt hat, erzählt sie, dass für sie vor allem ein intersektionaler Blick auf Feminismus hinzugekommen ist. Feminismus ist eben nur ein Aspekt von vielen beim Kampf um Gleichberechtigung und gegen Unterdrückung. Anti-Rassismus sei beispielsweise genauso wichtig, sagt Hannah. Der Begriff „Feminismus“ muss erweitert werden, damit an alle Frauen gedacht werden kann.

Wie Rassismus und Sexismus miteinander verknüpft sind
Hannah macht an einem Beispiel deutlich, wie Rassismus und Sexismus zusammenhängen: Ihr ist aufgefallen, dass vor allem über Frauen aus Nordafrika in sehr rassistischer Weise geredet wird. Die Annahme, dass alle Frauen dort unterdrückt sein müssten, schwingt dabei häufig mit. Sie rät dazu, mehr im eigenen Umfeld und im eigenen Land zu schauen. Als Beispiel erzählt sie von einer Studie, die den Umgang mit sogenannten „Ehrenmorden“ und mit anderen Morden an Frauen in Deutschland vergleicht. Die Studie zeigt, dass häufig die Unterstellung herrscht, ein Ehrenmord sei viel „schlimmer“ als ein Mord aus Eifersucht oder anderen Gründen.

Die Körper der Frauen als Ort von Debatten
Ausführlicher sprechen Hannah und Lea über die sogenannte Kopftuchdebatte. Hannah bemerkt, dass sich der politische Diskurs über Frauen, die ein Kopftuch tragen, seit 2015 nochmals verschärft hat. Dieser Diskurs ist nicht neu, sondern historisch gesehen eine gängige Sache. Schon immer wurden politische Debatten auf dem Körper der Frau ausgetragen und der Körper der Frau als Maßstab genommen, ohne ihnen dabei ein Mitspracherecht einzuräumen. In rechten Debatten wird oft deutlich, dass es nicht um Feminismus oder eine Befreiung der Frau geht. Die Behauptung, dass Männer „ihre“ Frauen in Gefahr sehen und sie schützen wollen, verdeutlicht eigene Besitzansprüche an „ihre“ Frauen. Frauen werden so zu Objekten, die Männern dazu dienen, in der Hierarchie selbst besser dazustehen.

Frauen mit Kopftuch können feministisch sein!
Die immer wiederkehrenden Fragen, ob Frauen mit Kopftuch Feministinnen sein können und ob Islam und Feminismus zusammengeht, sollten Hannahs Meinung nach gar nicht mehr gestellt werden. „Feminismus ist kein Zustand, sondern es geht immer darum, in einer Situation etwas zu verbessern“, bemerkt sie. Im Grunde seien alle Religionen patriarchal geprägt, so wie die gesamte Geschichte der Menschheit. Trotzdem können religiöse Frauen feministisch sein. Der Sinn von Feminismus sei es, genau diese patriarchalen Verhältnisse verändern zu wollen, und zwar in allen Bereichen des Lebens.

Die Vorurteile gegenüber dem Islam sind historisch verwurzelt
Gegenüber dem Islam gibt es zahlreiche Vorurteile und Klischees, unter anderem, dass er frauenfeindlich sei. Auch der Islam habe wie andere Religionen eine patriarchale Geschichte, könne aber ebenso feministisch ausgelegt werden, da die arabische Sprache sehr flexibel ist, erklärt Hannah. Sie sieht das negative Bild vor allem historisch verwurzelt: Die Region, in der sich der Islam entwickelt hat, ist geographisch relativ nah an Europa. So wurde der Islam, der sich sehr schnell und erfolgreich ausbreitete, als direkte Konkurrenz zum Christentum und damit als gefährlich angesehen. In der Epoche der Aufklärung, als Europa wirtschaftlich und intellektuell aufstieg, kehrte sich die Situation um und der Islam wurde minderwertiger betrachtet. Er diente in der Geschichte immer als Gegenstück zu Europa. Gleichzeitig wurde der Orient in Europa als Ort des heimlichen Begehrens, als erotisch und geheimnisvoll, aber auch als schmutzig und verrucht konstruiert. Diese Vorstellungen fänden sich auch heute noch, ob in den Meinungen einzelner Personen, oder auch in Filmen, Büchern, Serien und in der Werbung. 
Die Feindseligkeit gegenüber dem Islam ist also historisch gewachsen. Es herrscht eine spezifische Konkurrenz, die sich bis heute zeigt. Darum ist es so schwierig, die Hürden zu überwinden, Vorurteile abzulegen und Muslim*innen als ganz normale Teilnehmer*innen der Gesellschaft anzusehen.

Feministische Kämpfe in Ägypten
Dass feministische Kämpfe sehr anders aussehen können, je nachdem wo sie stattfinden, zeige sich an den Unterschieden zwischen Deutschland und Ägypten: Die Voraussetzungen, sich politisch beteiligen zu können, sind in Ägypten ganz andere. Da viel mehr auf dem Spiel steht als in Deutschland, ist die aktive, feministische Community in Ägypten deutlich kleiner. Auch sind die Themen aufgrund einer anderen Gesetzeslage unterschiedlich. Die Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt ist zwar länderübergreifend ein Thema, aber beispielsweise spielen Fragen nach beruflicher Gleichstellung in Ägypten bisher kaum eine Rolle. Seit 2011 sind immer mehr Frauen in Ägypten in die Öffentlichkeit gegangen und legten den Grundstein für eine feministische Bewegung. Aktuell setzt sich die ägyptische Öffentlichkeit mit sexuellen Belästigungen auseinander. Mehrere Männer wurden durch den öffentlichen Aufschrei der Frauen in Ägypten angezeigt und verurteilt.
In Deutschland und in Ägypten zeigt sich, dass sich das Kämpfen für mehr Geschlechtergerechtigkeit und gegen Diskriminierung lohnt.

Der Paula Talk mit Hannah El-Hitami ist weiterhin in voller Länge auf unserem YouTube-Kanal zu sehen:

https://www.youtube.com/watch?v=xTyGzfenUZA&t=1755s

Immer bereit – auch heute noch?

Gedanken zur Vernissage der Ausstellung “Immer bereit!?” von Doreen Trittel

Doreen Trittel, Foto: Doreen Trittel
Doreen Trittel, Foto: Doreen Trittel

Die Vernissage zur Ausstellung “Immer bereit!?” am 16. Oktober 2020 war eine ganz besondere – sicher eine der schönsten und persönlichsten, die bei Paula Panke stattgefunden haben. Aufgrund der Corona-Bedingungen durften nur wenige Gäste vor Ort teilnehmen.

Zum Auftakt gab es ein einführendes Interview mit der Künstlerin Doreen Trittel über ihre Beweggründe und die grundlegenden Themen der Ausstellung, das über Facebook live gezeigt und für unseren Kanal bei YouTube aufgezeichnet wurde.

Unter dem Namen hehocra beschäftigt sich die Künstlerin mit dem Einfluß der Vergangenheit auf die Gegenwart, am liebsten mit Collagen. Gezielt zerstört sie dabei Erinnerungen, um mit den Schatten der Vergangenheit zu spielen, sie zu verwandeln, Grenzen zu erkunden und neu zu setzen.

Hier könnt ihr das Live-Video zur Eröffnung  anschauen.



Danach entspann sich in einem Kreis mit nur 8 Personen eine intensive und sehr berührende Gesprächsrunde.

Über die ausgestellten Werke, beispielsweise über die Serie “Die Ketten meiner Großmutter” kamen die Besucher*innen schnell auf ihre eigenen Erfahrungen zu sprechen: über ihre Wahrnehmung und Perspektiven auf das Stasi-Thema, über intergenerative Zusammenhänge und Wirkungen, die bis in die Gegenwart reichen.

Doreen erzählte von einer Selbsthilfegruppe für Menschen, die als “Stasi-Kinder” aufgewachsen sind und dass unabhängig davon schon einige Betroffene auf sie zugekommen sind, als sie begann, mit ihrer Kunst das Thema öffentlich zu machen. Jedoch sind viele der “Stasi-Kinder” sehr zurückhaltend mit ihrer Geschichte. Doreen vermutet, dass hier auch Gefühle von Schuld und viel Unaufgearbeitetes eine Rolle spielen.
Das Thema Schuld bzw. Selbstverständnis in einer Diktatur wurde auch vom Publikum intensiv aufgegriffen.

Ein Titel mit Ausrufezeichen und Fragezeichen
Der Titel der Ausstellung mit der mehrdeutigen Frage “Immer bereit!?” wurde Anlass für eine längere Diskussion. Der damalige Gruß der DDR-Pionierorganisation – immer nur mit Ausrufezeichen – galt als Signal, der sozialistischen Gesellschaft “immer bereit” zur Verfügung zu stehen. Heute kann und muss er mit neuer Bedeutung gefüllt werden: Inwiefern sind wir heute wieder und auf neue Weise “immer bereit”? Als bereitwillig konsumierende Bürger*innen, als stets erreichbare User*innen der digitalen Medien, als rund-um-die-Uhr verfügbare Arbeitsnehmer*innen, Eltern, Pflegende etc.? Deshalb folgt im Titel das Fragezeichen.


Die Ausstellung kann bis zum 29. Januar 2021 bei Paula Panke nach Voranmeldung besichtigt werden. Wer sich mit den spannenden Themen weiter auseinandersetzen möchte, kann gern bei unserem Erzählcafé “Stasi-Kinder” am 16. Dezember 2020 dabei sein und/oder am Workshop “Erinnerung – gestern und heute” im Januar 2021 mit Doreen Trittel teilnehmen.


Anmeldung telefonisch unter 030 – 485 47 02 oder per Mail: programm@paula-panke.de


Außerdem gibt es zur Ausstellung “Immer bereit?!” eine eigene Webseite der Künstlerin – hier klicken!

Paula Talk mit Linus Giese: Mein Leben als trans Mann

von Linda Davis

Linus Giese ist 34, Blogger, Buchhändler und seit kurzem auch Autor. Sein erstes Buch „Ich bin Linus. Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war“ ist dieses Jahr im August erschienen.
Eigentlich hatte Linus nie vor, Autor zu werden. Durch sein Germanistik Studium wuchs zunächst seine Begeisterung für Bücher und er beschloss, nicht nur einen Buchblog zu schreiben, sondern nach dem Studium auch in den Buchhandel einzusteigen. Ein eigenes Buch hat er eigentlich nur geschrieben, weil sich immer mehr Menschen für seine Geschichte interessierten. Am 4. Oktober 2017, kurz nachdem er nach Berlin gezogen war, outete sich Linus nämlich als trans Mann.

Mit unserer Moderation und Mitfrau Lea Marignoni sprach Linus drei Jahre später, am 7. Oktober 2020, bei unserem letzten Paula Talk nicht nur über sein Buch und sein Coming Out, sondern auch über Transfeindlichkeit in feministischen Gruppierungen, die Wichtigkeit von gendergerechter Sprache und die bürokratischen Hürden Deutschlands.

Lea Marignoni und Linus Giese im Gespräch

Mit dem Coffee-to-go-Becher fing alles an
Das Cover seines Buchs ein Coffee-to-go-Becher mit seinem Namen drauf – ist bereits ein Hinweis auf die vielleicht etwas ungewöhnliche Art, wie Linus sich zum ersten Mal als trans Mann outete. Als er am 4. Oktober 2017 einen Kaffee bei Starbucks bestellte und die Bedienung nach dem Namen fragte, den sie auf den Kaffeebecher schreiben sollte, sagte er zum ersten Mal: „Ich heiße Linus.“ Genau diesen Becher fotografierte er danach, postete das Bild auf seinem Facebook-Profil und schrieb dazu, dass er von nun an Linus genannt werden wollte.

Fehlende Worte für die eigenen Gefühle
Im Rückblick auf seine Kindheit kann Linus in Retrospektive erklären, dass er eigentlich schon immer das Gefühl hatte, ein bisschen anders zu sein, sich für andere Dinge zu interessieren und es beispielsweise hasste, einen Badeanzug tragen zu müssen. In der Pubertät verstärkte sich sein Gefühl, sich im eigenen Körper gar nicht wohlzufühlen. Dass er trans sein könnte, kam ihm damals noch nicht in den Sinn. In den 1990er Jahren aufgewachsen hatte er keine Worte dafür, was es bedeutete, trans zu sein. Erst mit 16 Jahren las er zum ersten Mal im Internet das Tagebuch eines trans Mannes. Das war der erste Moment, in welchem er das Gefühl hatte, dass das etwas damit zu haben könnte, wie er sich fühlte. Auch aus dem Grund, diesem immer noch häufigen Nichtwissen entgegenzuwirken, beschloss Linus, seine eigene Geschichte zunächst auf Twitter und kurzen Blogbeiträgen und schließlich auch in Buchform, niederzuschreiben.

Es ist nie zu spät
Linus‘ Buch ist keine klassische Autobiografie, sondern erzählt seine Geschichte ab dem Moment des Coming Outs. Er erzählt niedrigschwellig von seinen Erfahrungen, seinen Besuchen in Arztpraxen, was er erlebt hat, blickt zurück auf seine Kindheit und seine Gefühle. Linus möchte mit diesem Buch vor allem zeigen, wie unterschiedlich das Leben von trans Menschen aussehen kann und dass es ganz viele verschiedene Wege und Erfahrungen von trans Personen gibt. Er möchte anderen Menschen, die vielleicht merken, dass irgendetwas anders ist, die Angst nehmen und ihnen zeigen, dass alle Menschen und alle trans Erfahrungen valide sind – ganz egal, wie diese aussehen. Ganz besonders wichtig ist es Linus auch zu zeigen, dass es nie zu spät ist, irgendwann den eigenen Weg zu gehen – ganz egal wie alt man ist. Denn so ein Weg kann immer möglich sein. Die überwiegend positiven Rückmeldungen zu seinem Buch aus allen Altersklassen zeigen, dass Linus offensichtlich genau das sehr gut gelungen ist.

Netzwerke und Erfahrungsaustausch sind wichtig
Seine Coming Out-Geschichte und seine Schreibanfänge auf Twitter sowie in einem Blog zeigen, dass Social Media ebenfalls eine große Rolle in Linus‘ Leben spielt. Er erzählt uns, wie wichtig ihm der Austausch mit anderen Menschen aus der Community war und ist, besonders am Anfang seiner Transition. Bevor er nach Berlin kam, kannte er nur einen einzigen trans Mann persönlich. Mittlerweile ist er mit vielen Menschen befreundet, die er ursprünglich im Internet kennengelernt hat und die ähnliche Erfahrungen wie er gemacht haben. Gerade diese Netzwerke und Austauschmöglichkeiten sind wichtig und können vor allem für Menschen hilfreich sein, die noch mitten im Prozess sind, betont Linus.


Soziale Medien – Hilfe und Last
Dass er durch Social Media aber auch viel Hass erlebt und er diese Räume als sehr kräftezehrend und energieraubend wahrnimmt, möchte er nicht ausklammern. Gerade deswegen ist es ihm wichtig, offline eine Community zu haben, die ihm Kraft und Halt gibt und mit Menschen befreundet zu sein, die mit Social Media nichts zu tun haben. Dennoch sind Linus die positiven Seiten von sozialen Medien, die in aktuellen Diskursen häufig zu kurz kommen, wichtiger. Gerade die sozialen Medien haben auch zu einer größeren Repräsentation und Sichtbarkeit von trans Menschen beigetragen und dafür gesorgt, dass transfeindliche Zeitungsartikel, Berichte oder Äußerungen stärker und schlagfertiger kritisiert werden.

trans Personen und Feminismus
Auch die Frage, ob der Feminismus dazu beigetragen hat, dass mehr Wissen über und Akzeptanz von trans Personen auszumachen ist, beschäftigt Linus. Er selbst hatte lange Zeit keinen Bezug zu feministischen Positionen und hatte nicht wahrgenommen, dass Feminismus immer noch wichtig ist. Dass sich das geändert hat, hatte auch viel mit seinem Coming Out zu tun. Das Gefühl, selbst starke Ungerechtigkeit zu spüren, selbst ausgegrenzt, unsichtbar und nicht mitgedacht zu sein, führte dazu, dass er sich selbst stärker politisch engagierte. Auch hier macht er klar, dass es dafür nie zu spät ist – Hauptsache, man fängt irgendwann an zu hinterfragen und sich zu engagieren.

Feminismus und trans Feindlichkeit
Obgleich er eine Verbindung zwischen der Tatsache sieht, dass feministische Diskurse immer mehr in den Mainstream rücken und der Bereitschaft, sich Themen der queeren und trans Community zu widmen, nimmt Linus auch die entgegengesetzten Strömungen wahr.   Feminist*innen und feministische Gruppen, die trans Personen explizit ausschließen, sogenannte TERFs (Trans-Exclusionary Radical Feminists) verschärfen momentan den Konflikt und werden aktuell wieder stärker vernommen. Pauschal zu sagen, dass diese schlichtweg keine Feministinnen sind, findet Linus allerdings nicht richtig, obwohl er selbst der Meinung ist, dass es zum Feminismus dazugehört, alle Frauen und damit auch trans Frauen mitzudenken. Von der These auszugehen, dass die formulierten Ängste der TERFs berechtigt sind, hält Linus für den falschen Ansatz, da hinter diesen Ängsten, die meist nicht begründet werden können und irrational sind, im Endeffekt eine feindliche und diskriminierende Haltung gegenüber trans Personen steckt.

Gerade im Hinblick auf die teilweise wachsenden transfeindlichen Strömungen innerhalb des Feminismus würde sich Linus von Feminist*innen mit großer Reichweite wünschen, dass sie trans Personen noch mehr mitberücksichtigen und expliziter Stellung beziehen.

Die wichtige Rolle von gendergerechter Sprache
Wenn es um eine bessere Sichtbarkeit und Miteinbeziehung von trans Personen geht, spielt eine gendergerechte Sprache eine große Rolle, wie Linus in unserem Gespräch deutlich macht. Bei Sprache geht es eben nicht nur um Ästhetik, sondern auch darum, sich zu überlegen, wer eigentlich dabei gemeint ist und wer durch die Sprache sichtbar oder unsichtbar gemacht wird. Gendergerechte Formulierungen beeinflussen mehr als nur die sprachliche Ebene. Sie können weitergedacht auch große Auswirkungen darauf haben, welche Menschen sich trauen, bestimmte Räume aufzusuchen, Dienstleistungen anzunehmen oder Produkte zu kaufen.

Dass es bei gendergerechter Sprache schwierig ist, alles richtig zu machen, sieht Linus ebenfalls. Häufig sind gerade inklusiv gemeinte Formulierungen wie ‚Frauen*‘ oder ‚Männer*‘ verletzend, weil sie suggerieren können, dass trans Frauen oder trans Männer keine “richtigen“ Frauen oder Männer seien. Wichtig dabei ist Linus zufolge, sich immer genau zu überlegen, wer eigentlich mitgemeint sein soll und wer nicht und dies im Zweifelsfall auch genau so hinzuschreiben.

Viel bürokratische Hürden für trans Personen in Deutschland
Zum Ende des Gesprächs kommen Linus und Lea noch auf die vielen bürokratischen Hürden, die vor den Menschen liegen, die ihren Namen und Personenstand ändern möchten, zu sprechen. In Deutschland gibt es nach wie vor das Transsexuellengesetz, welches vorsieht, dass für eine Personenstands- und Namensänderung zwei Gutachten von zwei unabhängigen Psychiater*innen benötigt werden. Insgesamt kostet das zwischen 1500 und 3000 Euro. Dass völlig unbekannte Personen mithilfe von unklaren Kriterien beurteilen sollen, ob eine Person ihren Namen und Personenstand ändern darf, sieht Linus sehr kritisch. Er wünscht sich hier vor allem mehr Selbstbestimmung und einen einfacheren und kostengünstigeren Weg. Er erzählt, dass er selbst mithilfe des Paragrafen 45b seinen Namen und Personenstand geändert hat. Dafür musste er lediglich zu seiner Hausärztin gehen und sich ein Attest holen, das er im Standesamt vorzeigte. Dieser Weg ist mittlerweile leider kaum noch möglich, da die Politik die Standesämter nun dazu angehalten hat, sich zu weigern, diese Änderungen vorzunehmen.

Zum Schluss gibt Linus noch einmal den Menschen, die sich unsicher sind, ob sie trans sind oder sich damit beschäftigen, den Tipp, möglichst mit Personen, die in diesem Bereich schon Erfahrung haben, in den Austausch zu treten – ob auf Social Media oder offline. Wichtig ist sich zu vernetzen und zu versuchen, Gleichgesinnte zu finden. Schließlich ist so Einiges gleich viel einfacher, wenn man es nicht alleine bewältigen muss.

Der Paula Talk ist weiterhin in voller Länge auf unserem YouTube-Kanal zu sehen:

https://www.youtube.com/watch?v=dYlOsK8pAjI

Online-Tagung: „Einen neuen feministischen Aufbruch wagen?!“

Unter diesem Titel fand am 1. Oktober 2020 eine vom Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation mit dem Frauenzentrum Paula Panke e.V. und OWEN e.V. organisierte Online-Tagung statt. Der Grundsatz dieser Tagung lautete: „Mit Feminismus, ohne Patriarchat lebt es sich besser – hier und überall!“  Die drei Diskussionsrunden moderierten Astrid Landero und Kathrin Möller.

30 Jahre zurück…eine Zeit der großen Utopien

In der ersten Diskussionsrunde erinnert sich Marina Grasse, die erste und letzte Staatssekretärin für Gleichstellungspolitik der DDR-Regierung, an ihre nur von Mai 1990 bis Oktober 1990 dauernde Amtszeit: Eine Zeit der Unklarheit, da es weder Struktur noch Rahmen gab. Und eine Zeit der Fragen welche Form von Transformation dieser Umbruch für die Frauen und generell für alle bedeuten würde.

Tanja Berger, Astrid Landero und Marina Grasse im Gespräch
Tanja Berger, Astrid Landero und Marina Grasse im Gespräch

Auch die Bildungsreferentin Tanja Berger ist der Meinung, dass es sich um einen weiteren Aufbruch handelt. Für sie persönlich gingen mit der Wende viele Türen auf, so dass auf einmal alles möglich war.

Als Frau aus dem Westen betont die Autorin und Wissenschaftlerin Dr. Gisela Notz, dass es einen weiteren feministischen Aufbruch gegeben hat und hebt dabei den bundesweiten Frauenstreik von 1994 hervor. „Da ging es um alles und der wurde einfach vergessen.“ Einig sind sich die drei Frauen, dass es eine Zeit der großen Utopien war.

An Bestehendes anknüpfen und Erreichtes würdigen

Mit der Frage, wo wir in der feministischen Bewegung stehen, eröffnet Astrid Landero die zweite Diskussionsrunde des Tages.

Anne Wizorek, Astrid Landero und SOOKEE im Gespräch
Anne Wizorek, Astrid Landero und SOOKEE im Gespräch


Die feministische Künstlerin und Rapperin SOOKEE will sich nicht mehr nur auf Wut und Beschwerde konzentrieren, sondern lieber den Fokus darauflegen, was gut läuft. Denn wir sind bereits mittendrin im Aufbruch und sollten nicht nach dem Neuen suchen, sondern an das Bestehende anknüpfen.

Dass nicht nur das Neue gut ist, hält auch die feministische Netzaktivistin Anne Wizorek für richtig. Dennoch könne Wut auch als Motor funktionieren, um voranzukommen. Zudem merkt sie an, dass viele, die die feministischen Kämpfe angeführt haben, immer noch nicht gesehen werden. Gerade über Intersektionalität, also die Benachteiligung auf verschiedenen Ebenen, sollte aktuell in den Diskussionen mehr thematisiert werden.

Mittendrin im feministischen Aufbruch

In der letzten Gesprächsrunde erinnert sich die polnische Aktivistin Anna Stahl-Czechowska von agitPolska e.V. , dass die feministischen Bewegungen aus polnischer Perspektive immer ein Erfolg waren. Das große Thema für sie ist: „Parität kommt nicht von allein!“

Lea Marignoni, Astrid Landero und Anna Stahl-Czechowska im Gespräch
Lea Marignoni, Astrid Landero und Anna Stahl-Czechowska im Gespräch

Für Lea Marignoni, eine Umweltaktivistin, Feministin und Vorstandsfrau von Paula Panke e.V., ist vor allem der intersektionale Feminismus sehr wichtig. Es müssen Verbindungen geknüpft werden, da es eben „viele brennende Themen“ gebe und es daher wichtig sei, dass die Kämpfe zusammengedacht und anschließend weitergedacht werden.

Auch wenn jetzt die Zeit eines Generationswechsels ist, sollte nicht vergessen werden, dass wir zwar teilweise noch die gleichen Kämpfe führen, aber eben auch schon viel erreicht haben.

Und so endet die Tagung, wie sie begonnen hat: Mit Feminismus, ohne Patriarchat lebt es sich besser – hier und überall! Alle teilnehmenden Frauen waren sich einig: Wir befinden uns bereits mittendrin im feministischen Aufbruch!

Paula Talk: Gendermarketing in Kinder- und Jugendliteratur

Mirai ist gerade 14 Jahre alt geworden. Mit 5 hat sie sich das Lesen selbst beigebracht und verschlingt seitdem ein Buch nach dem anderen. Weil ihr Lesehunger so groß wurde, begann sie für 2 Buchläden in Berlin und für Verlage Rezensionen gegen Bücher zu schreiben. Als dann noch Interviews mit Autor*innen dazu kamen, wollte sie den vielen Inhalt für andere sichtbar machen und startete im Frühjahr 2018 ihren Blog „Lass mal lesen!“ und zeitgleich ihren Instagram-Account @lesehexemimi, auf dem sie täglich spannende Inhalte veröffentlicht.

Mirai Mens, feministische Bloggerin, privat
Foto: privat


Wir sind auf sie aufmerksam geworden, weil sie sich als junge Pankowerin auch sehr konkret zu feministischen und gendergerechten Themen äußert. Im Paula Talk am 25. September 2020 hat sie uns mehr dazu erzählt.

Mirai interessiert sich für gesellschaftspolitische Themen wie Diversität, Generationengerechtigkeit, Umweltschutz und sie engagiert sich gegen Gendermarketing bei Verlagen und in Buchhandlungen. Denn sie ärgert sich, dass es oft getrennte Büchertische für Jungs und Mädchen gibt. „Bücher sind für alle da. Niemand sollte vorschreiben, wofür sich Jungs und Mädchen interessieren und was sie lesen sollen“, meint sie.

Mirai selbst mag gern Bücher, in denen es um Diversität und starke Protagonistinnen geht. Auch Technik- und Fantasy-Bücher interessieren sie, die gern mal auf den Jungs-Tischen liegen. Pferde-Geschichten findet sie dagegen eher nicht so spannend.

Sie ist inzwischen eine bekannte Bloggerin und ihre Meinung zählt. In Medien wie dem ZEIT-Magazin und dem ZDF-Morgenmagazin wurde bereits über sie berichtet. Für Thalia hat sie einen Bloggertisch mit Buchempfehlungen für Kinder und Jugendliche gestaltet, der bundesweit in 40 Filialen zu sehen war.

Die Gelegenheit nutzte sie gleich, um in der Berliner Marketingzentrale der Buchhandelskette einen offenen Brief abzugeben, den sie gemeinsam mit jungen Instagrammern verfasst hat – den „Young Bookstagram“. In dem Brief wandten sie sich gegen das Gendermarketing in den Filialen. Das Ergebnis: Die Pressesprecherin der Buchhandelskette hat versprochen, bundesweit keine Gendermarketing-Materialien mehr zu verbreiten. Yeah!

Im Paula Talk haben wir uns nicht nur über Mirais Aktivitäten gegen Gendermarketing unterhalten, sondern sie hat uns auch Bücher mitgebracht und vorgestellt. Ein Buch für Kinder „HERSTORY“ hat sie besonders begeistert –  nicht nur wegen der schönen Gestaltung, sondern auch wegen des Inhalts: Es werden starke Frauen aus der Geschichte und Gegenwart porträtiert. Was ihr nicht gefallen hat: Der Verlag hat bei Frida Kahlo das Thema Queerness ganz rausgelassen. Mirai hat das nicht gefallen. Sie meint: „Kinder verstehen, was Liebe ist. Hier sollte man keinen Unterschied machen.“

Der Paula Talk mit Mirai – leider war das WLAN nicht stabil



Überhaupt nimmt Mirai beim Lesen die Bücher gern in die Hand: „Sie fühlen sich gut an und riechen gut.“ Nur selten greift sie auch zu einem elektronischen Gerät. Neben der Young Bookstagram-Community hat sie Gastautor*innen wie ihre kleine Schwester, die Bücher für ihren Blog vorstellen, für die sie selbst sich nicht so begeistern kann. Oder die sie nicht schafft zu lesen – obwohl sie das in jeder freien Minute tut und so 10 bis 20 Bücher im Monat schafft.

Mirai findet, es sollte insgesamt mehr über Tabuthemen im Bereich Feminismus, Gleichberechtigung zwischen Geschlechtern, verschiedene Herkunft, Behinderung, andere Religionen, Rassismus und auch Nachhaltigkeit geschrieben werden.

Vielleicht gibt es bei Paula Panke bald eine kleine Gruppe von jugendlichen Aktivistinnen, die sich regelmäßig treffen?

Bürger*innenforum: Ohne Gleichstellung keine Demokratie!

Bürger*innenforum für ein weltoffenes Pankow

Das Bündnis Pankower Frauen* gegen Rechts lädt am

Dienstag, 29. September 2020 von 18 – 20 Uhr zu einem Gespräch mit

Dr. Berit Schröder (Fach- und Netzwerkstelle gegen Rechtsextremismus, für Demokratie und Vielfalt)

in den Gemeindesaal St. Augustinus, Dänenstr. 17/18 in 10439 Berlin ein .

Dr. Schröder wird über Strategien und Bewegungen des Antifeminismus und Rechtspopulismus sprechen.

Gemeinsam sollen außerdem im Bürger*innenforum neue Wege und Möglichkeiten für einen gemeinsamen Kampf gegen Rechts gefunden, sich ausgetauscht und vernetzt werden.

Das Bündnis Pankower Frauen* gegen Rechts  ist nach Angriffen durch die AfD auf die zivilgesellschaftliche Arbeit von Pankower Vereinen wie Paula Panke oder das JUP entstanden und hat sich als Zeichen der Solidarisierung der Frauen- und Jugendträger gemeinsam mit dem demokratischen Parteien im Bezirk gegründet.

Das Bündnis reagiert aktuell und lokal auf akute Angriffe oder geplante Aktionen der rechten Kräfte  und will in der Öffentlichkeit ein unübersehbares Zeichen gegen Rassismus, Antisemitismus, Rechtsextremismus und Antifeminismus setzen und Bürgerinnen* ermutigen, sich dem Kampf gegen Rechts in dem Bündnis der Pankower Frauen* anzuschließen und sich für ein weltoffenes, antirassistisches und feministischen Pankow jederzeit einzusetzen.

Die Veranstaltung findet im Rahmen der Interkulturellen Woche Berlin statt.

Moderation:
Astrid Landero und Katharina Berten
(SprecherinnenRat*Pankower Frauen* gegen Rechts)

Anmeldung erforderlich unter: programm@paula-panke.de

Hinweis

Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.

“Hijas de la RDA-Töchter der DDR” – ein Podiumsgespräch

Marcela Rojas, Astrid Landero und Ana Maria Villegas beim Podiumsgespräch, Foto: Paula Panke e.V.

Am 16. September 2020 fand bei uns das Podiumsgespräch zum Thema “Hijas de la RDA-Töchter der DDR” statt.

Gemeinsam mit den beiden in Chile geborenen Frauen Marcela Rojas und Ana Maria Villegas führte Astrid Landero ein spannendes Gespräch über deren Erfahrungen und Erinnerungen an die Flucht aus Chile in den 1970er Jahren in die DDR, dem Aufwachsen dort und die Transformationszeit nach 1989.

Für beide Frauen hatte der 11. September 1973, der Tag an dem das Militär in Chile die demokratisch gewählte Regierung putschte, große Konsequenzen für ihr weiteres Leben. Sowohl Ana Maria als auch Marcela waren zu diesem Zeitpunkt erst sieben Jahre alt. Beide erzählen, wie sich eigene Erinnerungen dieses Tages und der folgenden Zeit mit Erzählungen und Berichten anderer vermischten.

Zeit des Umbruchs, Zeit der Flucht
Ana Maria erinnert sich noch daran, dass ihr Vater sich sofort verstecken musste, da er für eine kommunistische Zeitung arbeitete. Stark eingeprägt hat sich bei ihr, wie ihre Familie ihren Vater, der sich bei Freunden versteckte, heimlich besuchen ging.  Da ihr Vater Auslandskorrespondent war und dadurch Beziehungen zur DDR hatte, floh er kurze Zeit später über Peru in die DDR. Die Familie kam im Dezember nach.

Auch Marcela berichtet, dass der Putsch vor allem für ihren Vater direkte Folgen hatte. Sie erinnert sich daran, wie dieser auf einmal nicht mehr zu Hause war. Sie begriff intuitiv, dass er verhaftet worden war. Ihre Mutter fand ihn schließlich im Gefängnis, wo er gefoltert worden war. Mithilfe eines Rechtsprofessors schafften sie es, ihren Vater Anfang 1974 aus dem Gefängnis zu holen. Nach vielen Umwegen, Familientrennungen und einer kurzen Zeit in der DDR, folgte ein Jahr Aufenthalt in Kuba. Schlussendlich landete Marcelas Mutter mit ihren Töchtern wieder in der DDR.

Beide Frauen haben diese Zeit des Umbruchs und der Unsicherheit als sehr bewegende und prägende Zeit wahrgenommen. Sie mussten nun einen Neuanfang in einem fremden Land wagen.

Ankommen in einem fremden Land
Marcelas Familie kam zunächst in ein Heim, in dem nur Chilen*innen waren, und erzählt von einer großen Solidarität in der DDR den Menschen aus Chile gegenüber. Gemeinsam wurde überlegt, wo Leute leben und arbeiten können, Konfrontationen fanden nicht statt. Doch sie erinnert sich auch daran, wie schwierig die Zeit war, als viele verstanden, dass sie nicht bald nach Chile zurückkehren konnten, sondern hierbleiben mussten. Die Koffer, die seit der Ankunft nicht ausgepackt worden waren, mussten nun doch ausgeräumt werden.

Ana Maria wurde in der DDR im Gästehaus Märkisches Museum untergebracht. Dinge, die sie als Kind oft spielerisch nehmen konnte und neugierig entdecken konnte, waren für ihre ältere Schwester deutlich schwerer: Aus dem normalen Alltag herausgerissen zu werden, plötzlich völlig anders zu leben, weit weg von Freund*innen und allem Bekanntem.

Schwierigkeiten bei der Eingewöhnung
Auch den Erwachsenen, stark traumatisiert und unfähig über die Dinge, die ihnen in Chile widerfahren waren, zu sprechen, fiel das Eingewöhnen in dem fremden Land schwer. Da die Kinder sich trauten, auf andere zuzugehen und dadurch die deutsche Sprache lernten, fungierten sie schnell als Dolmetscherinnen ihrer Eltern. Beide Frauen erzählen, dass die Erwachsenen trotz gut organisierter Integration und Angeboten, häufig die deutsche Sprache aus einem Selbstschutz heraus nicht lernen wollten: Sie wollten doch gar nicht hierbleiben, sie wollten so schnell wie möglich zurück nach Chile. Ein Erlernen der neuen Sprache hätte bedeutet, zu akzeptieren, dass sie hier bleiben mussten.  Doch zurück nach Chile konnten sie nicht, denn ihre Reisepässe waren mit einem „L“- Stempel gekennzeichnet: Wer diesen Stempel hatte, durfte nicht nach Chile einreisen.

Die chilenische Herkunft soll nicht vergessen werden
Um den Bezug zu ihrem Geburtsland nicht zu verlieren, organisierten die Eltern chilenischer Kinder eigene politische und akademische Strukturen: Beispielweise mussten Marcela und Ana Maria neben dem Regelunterricht zusätzlich jeden Tag zwei Stunden mit chilenischen Lehrer*innen lernen. Sogar Prüfungen in Spanisch, Geschichte und Geografie Chiles mussten sie ablegen.

Beide Frauen machten schlussendlich ihr Abitur in der DDR, studierten dort und ergriffen einen Beruf in der DDR.

Neue Umbrüche und die Frage der Rückkehr
Im Jahr 1989 kam es zu erneuten Veränderungen für die beiden Frauen und ihre Familien: Im April 1989 kehrten Marcelas Eltern zurück nach Chile, die nach dem Plebeszit zum Ende der Diktatur 1988 wieder einreisen durften. Marcela, die zuerst zu Ende studieren wollte, entschied sich auch nach dem Studium, in der DDR zu bleiben.

Ana Marias Eltern kamen nicht so euphorisch von ihrem ersten möglichen Besuch aus Chile wieder. 1992 gingen sie dennoch ohne ihre Kinder zurück nach Chile. Was Marcela schwer fiel, war für Ana Maria ganz leicht: Nahtlos ging ihr Studium in einen Job über, sie blieb.

Beide Frauen blieben somit in der DDR, auch wenn ihre Familien sich entschieden hatten, zurück nach Chile zu gehen. Als Marcela und Ana Maria Chile verließen, waren sie noch Kinder, die meiste Zeit ihres Lebens hatten sie in der DDR verbracht – wo waren sie nun endgültig zu Hause?

Die Frage nach der Heimat
Zum Ende des gemeinsamen Gesprächs hin stellte Astrid beiden die Frage, was Heimat für sie nun bedeutet. Den Frauen fiel eine Antwort auf diese Frage schwer. Einig waren sie sich darin, dass sie sich nicht als ‚Deutsche‘ bezeichnen würden, dass sie sich in Chile mittlerweile aber auch zum Teil als ‚Ausländerin‘ fühlten.
Sie kommen zu dem Schluss, dass ein bestimmter Ort vielleicht gar nicht das wichtigste ist. Vielmehr geht es darum, wo man glücklich ist und wo die passenden Menschen sind, denn die eigene Kultur trägt man immer in sich, egal, wo man sich gerade befindet.


Das Podiumsgespräch wurde aufgezeichnet und kann hier auf YouTube-Video angesehen werden:

Paula Talk: Gesellschaftliche Strukturen und psychische Erkrankungen

Lea und Paula beim Paula Talk, Foto: Johanna S.
Lea und Johanna beim Paula Talk

Zum zweiten Paula Talk am 4. September 2020 hatte Vorstandsfrau Lea Marignoni die Leipziger Psychologin und Autorin Paula Charlotte Kittelmann eingeladen. Paula Kittelmann arbeitet nicht nur als Therapeutin, sondern schreibt auch als Redakteurin über intersektionalen Feminismus mit Fokus auf Körperakzeptanz, psychische Erkrankungen und mentale Gesundheit.


Paula Kittelmann erzählt, dass bei der therapeutischen Arbeit der Beitrag der Gesellschaft an psychologischen Erkrankungen deutlich wird: Sexismus, Rassismus und tradierte Geschlechterrollen führen bei Patient*innen zu traumatischen Erlebnissen und in der Folge zu Erkrankungen wie Depressionen und Essstörungen.

„Termini, Muster und Strukturen sind sehr heteronormativ und veraltet in der klassischen Psychologie“,

erzählt sie im Paula Talk. Es werde sehr wenig über Stressoren wie Homophobie und Sexismus und ihren Einfluss auf psychische Erkrankungen gesprochen und es gebe auch wenige Studien dazu. Einige hat sie uns hier zum Weiterlesen empfohlen:

Sie betont, dass Geschlechterrollen nicht nur strukturellen Einfluss haben, sondern sich vor allem auch auf soziale Situationen auswirken, beispielsweise wie Frauen* und Männer* Konflikte verarbeiten ‚dürfen‘: Jungs dürfen wütend sein, Mädchen wird das nicht zugestanden. Viele Patientinnen von Paula Kittelmann haben ein großes Problem damit.

Auch haben Frauen* gelernt, dass ihre Grenzen in einer patriarchalen Gesellschaft nicht akzeptiert werden und ihre Bedürfnisse oft hintenanstehen müssen. Auch das werde in der Psychologie nicht mitgedacht, sagt die Psychologin.

Für Frauen*, PoC und queere Personen ist Intersektionalität ein permanenter psychischer Stressfaktor, weil sie beispielsweise einer tradierten Rolle nicht entsprechen. In der Folge können sich bei ihnen permanente Selbstunsicherheit, Selbstzweifel, Phobien und Zwangsstörungen ausbilden. Aber auch Männer* sind davon betroffen: Wenn Jungs nicht weinen dürfen, ist das eine große Belastung für ihre Psyche: Sie dürfen nicht fühlen!


Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Sexismus und Depression. Männer, die depressiv sind, verhalten sich sexistischer, weil sie den Eindruck haben, dass sie der tradierten Rolle als Mann nicht entsprechen.

Paula Kittelmann ist wie wir der Meinung, dass sich die gesellschaftlichen Strukturen für unser aller Wohl ändern müssen. Weg mit Unterdrückungsstrukturen und Vormachtstellungen. Die Frauenquote ist noch nicht die Lösung für das Problem des Patriarchats.



„Wir müssen weitermachen und lauter werden.“, sagt Paula Kittelmann „Und jede*r muss sich selbst und seine Psyche ernst nehmen und sich, wenn nötig Hilfe holen.“



Den ganzen Paula Talk mit Paula Kittelmann findet ihr in unserem YouTube-Kanal:



Paula Kittelmann hat für uns eine Literaturliste zusammengestellt:





Incels – Lesung mit Veronika Kracher

Veronika Kracher, Foto: Paula Panke e.V.

Die Journalistin und Autorin Veronika Kracher las am 21. August 2020 bei Paula Panke e.V. aus ihrem Buch „Incels – Sprache, Geschichte und Ideologie eines misogynen Online-Kults“, das im September 2020 erscheint. Wir freuen uns, diese Premiere mit ermöglicht zu haben.

Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Sonntags-Club e.V. und Stop-Stalking statt. Das war für uns alle aufregend. Denn wegen der Corona-Einschränkungen fand die Veranstaltung hybrid statt – online und offline.  Außerdem gab es im Vorfeld unerfreuliche rechtspopulistische Angriffe auf unserer Facebook-Seite.

Die Lesung wurde aufgezeichnet und kann hier das YouTube-Video angesehen werden:

Incel – Involuntary Celibate
Mit Temperament, Tempo und schwarzem Humor las Veronika aus ihrem Manuskript vor und führte uns in die Ideologie der Incel-Community ein. Incel steht dabei für Involuntary Celibate. Die Community vereint weiße junge Männer bis 24 Jahre, die unfreiwillig keinen Sex haben. Daraus entwickeln sie ein toxisches Denken, das etwas Kultartiges hat und aus dem es nur schwer einen Ausweg gibt. Die Autorin zeigt, dass das Phänomen Incels ein Ausdruck der patriarchalen gesellschaftlichen Strukturen ist, in denen wir leben. Nur mit dem Ende des Patriarchats können diese selbstzerstörerischen, frauenfeindlichen Entwicklungen bei jungen Männern nachhaltig behoben werden.

Veronika Kracher beschäftigt sich seit drei Jahren mit der Incel Community. Dass es notwendig ist ein Buch darüber zu schreiben, wurde ihr durch das Medieninteresse klar, das es nach dem Attentat in Halle 2019 gab. Die Motive des Täters waren zwar primär antisemitisch, doch gingen sie auch mit Frauenhass (Misogynie) einher und Incels rückten erstmals in das Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit.

Selbsthass, Frauenhass und Opferdenken als roter Faden
Dabei schaden die Mitglieder der Incel-Community mit ihrer Ideologie auch sich selbst. Es ist ein Denken, das auf Verzweiflung aufgebaut ist. Veronika beschreibt die Community als „eine traurige, toxische Szene“. Schaut man/frau sich die Foren an, ziehen sich Selbsthass, Frauenhass und Opferdenken als roter Faden durch die Chatverläufe.

Frauen-Ideal der Incels: nah an Pädophilie
Sie, die weißen Cis-Männer, sehen sich als Verlierer unserer Zeit. Sie haben sich selbst die ‚Black Pill‘ verschrieben – ein Cocktail aus Nihilismus, Hoffnungslosigkeit und Selbsthass. Treiber ist die Unerreichbarkeit von Sex. Schuld sind die Frauen: Sie sind zu selbständig, zu selbstbewusst und zu feministisch. Die ideale Frau ist für einen Incels weiß, jugendlich, jungfräulich, devot – was einer Glorifizierung der Pädophilie nahekommt. Die Wunsch-Partnerin ist kein eigenständiges Subjekt und steht unter ständiger Kontrolle.

Incels – die Spitze des Eisbergs in einer patriarchalen Gesellschaft
Gewalt gegen Frauen hat bei Incels System. Terrorakte gelten als Rituale der ‚Mannwerdung‘. Doch sind Incels lediglich die Spitze des Eisberges und keine Einzeltäter in einer patriarchalen Gesellschaft: Es geht um Vormachtstellung per Geschlecht.

Das belegt allein schon die Studie des BKA von 2018 für Deutschland, nach der jede Stunde eine Frau in Deutschland Opfer einer Körperverletzung durch den Partner wurde. In einer patriarchalen Gesellschaft werden Männer systematisch von der Verantwortung freigesprochen, mit einer Kränkung umzugehen und sie meinen, sich mit Gewalt durchsetzen zu können.

Der Hass der Incels richtet sich dabei nicht nur gegen Frauen. Ihr Hass trifft auch queere Menschen und alle, die anders sind. Sie entwickeln obskure Theorien zu männlicher und weiblicher Homosexualität, die ihr in Veronika Krachers Buch nachlesen könnt.

Selbstliebe ist möglich
Was der Incel-Ideologie fehlt, ist die Erkenntnis, dass Selbstliebe möglich ist und man sich dafür nicht ununterbrochen selbst optimieren muss. Denn das tun Incels in ihren Foren, weil sie sich selbst als hässlich empfinden: zu klein, zu dünn, die falschen Augenwinkel haben…
„Es ist eine Ideologie, mit der man sich ein Loch gräbt, aus dem man selbst nur schwer wieder herauskommt“, meint Veronika. „Sie brauchen professionelle Hilfe, um dem Selbsthass zu entkommen.“

Profeministische Jungenarbeit ist nötig
Eine couragierte Zivilgesellschaft ist wichtig, um zu verhindern, dass junge Menschen in derartige Strukturen rutschen. Es ist nötig, ihnen mit entsprechenden Beratungsangeboten zu helfen – empfiehlt Veronika. Für die Prävention ist profeministische Jungenarbeit nötig, sowie das Freilegen patriarchaler Strukturen in unserer Gesellschaft. Das passt zur aktuellen Bildungsreihe von Paula Panke e.V. „Vom Ende des Patriarchats“.

Veronika Kracher, Foto: Paula Panke e.V.
Veronika Kracher, Foto: Paula Panke e.V.


 
Veronika Kracher hat für ihre Recherchen selbst mit ehemaligen Incels gesprochen. Ihrer Erfahrung nach waren die jungen Männer mental am Boden zerstört. Für den Weg aus der ungesunden Sucht der Selbstverletzung benötigen sie eine Therapie. Aber noch wichtiger ist der Rahmen:

„Damit die Incel-Ideologie für sie nicht mehr attraktiv ist, müssen sich die Verhältnisse ändern. Gesellschaften, in denen es legitim ist nach unten zu treten, um sich besser zu fühlen, gehören abgeschafft!“