Was bedeutet es eigentlich, in ein neues Land zu kommen und dort neu anzufangen? Und wie gelingt es einem, den beruflichen Weg zu bewältigen, wenn man ständig auf Hindernisse trifft?
Über diese Fragen sprachen wir mit Lena Bunatyan beim Paula Talk am 17. September 2026 im Feministischen Zentrum Paula Panke Pankow. Lena ist in Jerewan (Armenien) aufgewachsen, hat dort Biophysik und Biotechnologie studiert und später in Deutschland promoviert. Wir sprachen über den Alltag in der Wissenschaft und ihre Beobachtungen als Frau in diesem System, besonders als Migrantin und Mutter.
60 Bewerbungen, 4 Sprachen und eine Zusage
Weil in Armenien der Zugang zu den Laboren, Geräten und Materialien begrenzt war, suchte Lena nach Möglichkeiten, im Ausland zu promovieren. Sie wollte Wissenschaft wirklich praktisch erleben. 60 Bewerbungen später hatte sie zwei Einladungen: eine nach Dresden und eine nach Milano in Italien. Für den Flug musste sie einen Kredit bei der Bank aufnehmen. Lena reiste ohne Smartphone und nur mit ausgedruckten Google-Maps-Anweisungen an die unbekannten Orte. Die Interviews waren gut, die Doktorandinnen-Stelle blieb jedoch immer noch aus. Lena ließ sich davon nicht entmutigen und machte weiter. Schließlich wurde sie am Max-Delbrück-Centrum in Berlin angenommen und konnte dort promovieren.
Der neue Arbeitsplatz brachte neue Herausforderungen: Die Sprache. Die Behörden. Visumsangelegenheiten. Neben ihrer Muttersprache Armenisch, der Landessprache Russisch und der Wissenschaftssprache Englisch kam nun noch Deutsch als lokale Sprache dazu, die sie vor allem in der Corona-Zeit sich selbst beibrachte.
Migration bedeutet nicht nur, seine Adresse zu ändern.
Damit beschreibt Lena eine Erfahrung, die über einen Ortwechsel hinausging. Wer in ein neues Land kommt, muss erstmal die unausgesprochenen Regeln- und Strukturen eines neuen Systems kennenlernen. Gerade in dem Bereich, in dem sie arbeitet, wird Mobilität häufig als selbstverständlich wahrgenommen. Und dies führt wiederum zu weiteren Herausforderungen.
Wissenschaft und Familie – lässt sich beides verbinden?
Lena erzählt, dass es Frauen in der Wissenschaft meist schwer haben. In ihrem beruflichen Umfeld arbeiten ca. 80% Frauen. Gleichzeitig wird in diesem Beruf ein hohes Maß an Mobilität vorausgesetzt. Dazu gehört der Wechsel des Arbeitsplatzes, des Labors oder sogar des Landes. Für die eigene Familienplanung ist das schwierig.
Bildung und harte Arbeit schaffen Möglichkeiten, aber nicht automatisch unbegrenzte Wahlfreiheit.
Auch Lena musste sich immer wieder neu orientieren. In der Zeit von 2020 bis heute bewältigte sie mehrere Jobwechsel und zwei Schwangerschaften mit Elternzeit.
Jede Station sah anders aus. Die Aufgabe blieb ähnlich: Lernen. Neu orientieren. Wieder anfangen.
Von Wissenschaft zu „Science with Lena“
Heute teilt Lena ihre Erfahrungen über ihren Instagram-Kanal science_with_lena, in dem sie wissenschaftliche und gesundheitliche Themen verständlich erklärt. Dabei legt sie einen besonderen Fokus auf Frauen*gesundheit. Sie verbindet ihre eigenen Erfahrungen als Mutter, Wissenschaftlerin und Patientin: mit dem Wunsch, Frauen* dabei zu unterstützen, Gesundheitsinformationen besser zu verstehen und frauen*spezifische Risiken sichtbarer zu machen.
Momentan arbeitet sie an einem Projekt, dem Women´s Health Pass. Der Gedanke dahinter ist, die eigene Gesundheitsgeschichte besser zuammenführen zu können und auf Ärzt/innengespräche besser vorbereitet zu sein.
Was bleibt?
Lenas positive und motivierende Art. Sie ließ sich selbst motivieren: von den zwei mutigen Armenierinnen, die im 1. Weltkrieg das alte armenische Manuskript Homilien von Mush aus dem 13. Jahrhundert retteten, in dem sie das 30 kg schwere Buch in zwei Hälften teilten. Von der Wissenschaftlerin Emmanuelle Charpentier, die 2020 den Nobelpreis für Chemie erhielt und nicht zuletzt von ihrer Mutter, die immer sagte:
Herkunft muss nicht die Zukunft entscheiden.
Lenas Geschichte zeigt, wie viele Umwege und Neuanfänge hinter einem beruflichen Weg stehen können. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass jede/r es schaffen kann, ihr/sein Ziel zu erreichen, solange man nicht aufgibt und positiv bleibt.
