Am 29. April 2026 versammelten sich zahlreiche Menschen in Berlin-Pankow an der Mühlenstraße/Ecke Maximilianstraße, um an Zohra Gul zu erinnern. Vor vier Jahren wurde sie an genau diesem Ort von ihrem Ex-Partner ermordet – ein Femizid. Die Gedenkveranstaltung verband Trauer mit politischer Analyse und mündete am Abend in eine Podiumsdiskussion über Ursachen, Strukturen und Handlungsmöglichkeiten im Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt.
Ein Ort des Erinnerns – und der Anklage
Musikbeiträge der Musikschule Béla Bartók rahmten die Veranstaltung und schufen Momente des Innehaltens. Zwischen ihnen wurde gesprochen – eindringlich, wütend und solidarisch.
In ihrer Begrüßung machte Nadja Bungard (Paula Panke e.V.) deutlich, warum die Versammlung notwendig ist: Zohra Gul ist kein Einzelfall. Ihr Tod steht exemplarisch für strukturelle Gewalt gegen FLINTA* Personen. Nadja Bungard erinnerte daran, wer Zohra Gul war: eine Mutter von sechs Kindern, die den Mut hatte, sich aus einer gewaltvollen Ehe zu lösen, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Sie hatte häusliche Gewalt angezeigt, Hilfe gesucht, Schutz gebraucht – und keinen bekommen.
„Es gab keinen Schutzplatz für sie“, wurde betont. Besonders für Frauen und TINA* Personen mit mehreren Kindern ist der Zugang zu Schutzwohnungen nahezu unmöglich.
Die Realität im Hilfesystem
Die Zahlen aus der Praxis zeichnen ein drastisches Bild:
- 2025 konnten in den Schutzwohnungen von Paula Panke e.V. neun Betroffene mit insgesamt 27 Kindern untergebracht werden
- 163 Personen mussten abgewiesen werden
- Über 1300 Antigewaltberatungen wurden durchgeführt
- In weiteren 730 Gesprächen zeigte sich: 90 % der Ratsuchenden waren ebenfalls von Gewalt betroffen
Diese Zahlen verdeutlichen: Das Problem wächst. Die vorhandenen Strukturen reichen nicht aus.
Gleichzeitig wurde betont, dass Gewalt nicht nur FLINTA*-Personen betrifft, sondern immer auch Kinder. Für sie fehlen bislang weitgehend angemessene Unterstützungsangebote.
Strukturelle Ursachen von Gewalt
Die Redebeiträge machten klar: Femizide entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind eingebettet in gesellschaftliche Strukturen.
Dazu gehören unter anderem:
- wirtschaftliche Abhängigkeiten durch Gender Pay Gap und Care-Arbeit
- steuerliche Regelungen wie das Ehegattensplitting
- steigende Mieten, die Trennungen erschweren
- fehlende Schutzräume
- gesellschaftliche Normalisierung von Sexismus
Gewalt beginnt nicht erst mit körperlichen Übergriffen. Frühe Warnzeichen wie soziale, finanzielle oder digitale Kontrolle müssen ernst genommen werden.
Politische Verantwortung – und ihre Grenzen
Auch die Bezirksbürgermeisterin von Pankow, Dr. Cordelia Koch, betonte in ihrer Rede: Partnerschaftsgewalt werde nur zu einem Bruchteil angezeigt – Schätzungen zufolge unter fünf Prozent. Die Dunkelziffer ist enorm.
Zwar existieren politische Maßnahmen, etwa ein bezirklicher Aktionsplan gegen Gewalt oder die Koordinierungsstelle zur Umsetzung der Istanbul-Konvention. Doch es wurde klar formuliert: Das reicht nicht.
Politik und Verwaltung müssen Strukturen verändern – gleichzeitig bleibt Gewalt ein gesamtgesellschaftliches Problem.
Perspektive des Netzwerks gegen Feminizide
Besonders eindrücklich war der Beitrag von Dodo vom Netzwerk gegen Feminizide. Ihre Rede machte deutlich, wie sehr sich die Geschichten ähneln: Kontrolle, Isolation, Gewalt – oft über Jahre hinweg. Viele Betroffene leben in einem Zustand permanenter Angst.
Am Beispiel von Zohra Gul wurde die Verschränkung verschiedener Gewaltformen sichtbar:
- Zwangsheirat im Jugendalter
- jahrelange häusliche Gewalt
- Fluchterfahrung
- institutionelles Versagen trotz mehrfacher Anzeigen
„Sie wurde nicht nur von ihrem Ex-Partner getötet, sondern von einer Gesellschaft, die sie nicht geschützt hat“, lautete eine der zentralen Anklagen.
Der Beitrag stellte außerdem klar: Der Kampf gegen Feminizide muss intersektional geführt werden. Besonders gefährdet sind migrantische, rassifizierte, geflüchtete, behinderte und trans* Frauen.
Zugleich wurde Kritik an rassistischen Instrumentalisierungen geübt. Rechte Narrative, die Gewalt auf „kulturelle Herkunft“ reduzieren, verstellen den Blick auf patriarchale Strukturen.
Vom Gedenken zur Diskussion
Am Abend wurde die Auseinandersetzung im Rahmen einer Podiumsdiskussion bei Paula Panke in Pankow fortgeführt. Unter dem Titel „Feminizide – Wieso? Was tun?“ diskutierten Vertreterinnen aus Zivilgesellschaft und Opferschutz.
Ausgangspunkt war das Buch „Mit Männern leben“ von Manon Garcia, das sich mit patriarchalen Gewaltverhältnissen auseinandersetzt.
Zentrale Themen der Diskussion
1. Gewalt ist strukturell und politisch
Sexualisierte und häusliche Gewalt sind keine privaten Probleme. Sie sind Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse.
2. Das Hilfesystem erreicht viele nicht
Besonders vulnerable Gruppen – etwa ältere Frauen oder Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus – bleiben oft außen vor.
3. Kinder sind immer mitbetroffen
Gewalt in Beziehungen wirkt sich direkt auf Kinder aus, die die Gewaltspirale erleben und in ihrem Sozialverhalten adaptieren.
.4. Prävention wird vernachlässigt
Programme an Schulen, Bildungseinrichtungen und Feministischen Organisationen stehen unter Kürzungsdruck, obwohl Prävention zentral für nachhaltige Veränderungen sind.
5. Institutionelle Hürden
Viele Betroffene berichten von mangelnder Sensibilität bei Polizei und Justiz. Verfahren können retraumatisierend wirken.
6. Gesellschaftliche Verantwortung
Freund*innen, Nachbar*innen und Kolleg*innen sind oft die ersten Ansprechpersonen. Es braucht mehr Wissen über subtile Gewaltformen und mehr kollektive Aufmerksamkeit.
Fazit: Erinnern heißt handeln
Die Gedenkveranstaltung für Zohra Gul war mehr als ein Moment des Erinnerns. Sie war eine kollektive Anklage gegen ein System, das Gewalt ermöglicht – und ein Aufruf zum Handeln.
Ein Satz zog sich durch viele Beiträge: Ein gewaltfreies Leben ist ein Menschenrecht.
Doch dieses Recht ist für viele noch immer nicht Realität.
Die Frage, die bleibt, ist nicht nur, warum Femizide geschehen. Sondern, was wir bereit sind zu verändern, damit sie aufhören.
