Am Freitag wurde im Feministischen Zentrum Weißensee Paula Panke die Ausstellung Installations Vivantes mit Arbeiten von Willie und Zara Alexandrova eröffnet. Es war eine besondere und berührende Eröffnung, mit starken künstlerischen Arbeiten, intensiven Gesprächen und einem gemeinsamen Nachdenken über Erinnerung, Körper, Gewalt, Sorgearbeit, Sichtbarkeit und Verborgenheit.
Die Ausstellung ist in den kommenden drei Monaten weiterhin im Feministischen Zentrum Weißensee Paula Panke zu sehen. Besucher*innen sind eingeladen, die Arbeiten anzuschauen, ins Gespräch zu kommen und sich an einzelnen partizipativen Elementen der Ausstellung zu beteiligen.
Ein zentraler Bestandteil der Ausstellung ist Walls of Shame von Willie. Die wachsende Installation gibt Betroffenen von sexualisierter Gewalt die Möglichkeit, sich anonym mit einem Brief zu beteiligen. Die Arbeit schafft damit einen geschützten Raum für Ausdruck, Zeug*innenschaft und kollektive Sichtbarkeit. Etwas, das oft verschwiegen, verdrängt oder im Körper getragen wird, kann in eine selbstbestimmte Form gebracht werden, ohne dass Betroffene sich öffentlich erklären oder offenlegen müssen.
Gerade bei sexualisierter Gewalt liegt Scham häufig fälschlicherweise bei den Betroffenen. Walls of Shame kehrt diese Logik um: Die Scham gehört nicht zu den Betroffenen, sondern dorthin, wo Gewalt, Grenzüberschreitung, Machtmissbrauch und Schweigen produziert werden. Die Installation macht sichtbar, wie viele Menschen betroffen sind, und verweist zugleich auf all jene Erfahrungen, die unsichtbar bleiben.
Kunsthistorisch steht Walls of Shame in einer feministischen Tradition partizipativer Arbeiten, die persönliche Zeugnisse in kollektive Sichtbarkeit übersetzen. Eine wichtige Bezugslinie ist Mónica Mayers El Tendedero / The Clothesline, eine seit 1978 fortgeführte Arbeit, in der Erfahrungen von Frauen mit Belästigung und Gewalt im öffentlichen Raum sichtbar gemacht wurden. Auch The Clothesline Project, bei dem gestaltete Kleidungsstücke von Überlebenden und Angehörigen genutzt werden, um Gewalt gegen Frauen öffentlich zu thematisieren, bildet einen Resonanzraum für diese Form künstlerischer Zeug*innenschaft. Diese Arbeiten sprechen nicht nur über Betroffene, sondern eröffnen Räume, in denen Menschen selbst etwas beitragen können: in ihrer eigenen Sprache, in ihrer eigenen Form, in ihrem eigenen Tempo.
Auch im Kontext von #MeToo gewinnt diese künstlerische Praxis besondere Bedeutung. Die Bewegung hat weltweit sichtbar gemacht, wie verbreitet sexualisierte Gewalt, Belästigung und Machtmissbrauch sind. Doch Sichtbarkeit allein beendet Gewalt nicht. Deshalb braucht es weiterhin Räume, in denen Erfahrungen gehört, bezeugt, künstlerisch bearbeitet und politisch eingeordnet werden können.
Neben Walls of Shame zeigt Willie weitere Arbeiten, die das Verhältnis von Sichtbarkeit, Erinnerung und Verborgenheit untersuchen. In der Dokumentation einer früheren Arbeit wird ein Esstisch vergraben: Acht Menschen speisen an einem Tisch in einem großen, ausgehobenen Erdloch. Anschließend wird der Tisch Schicht für Schicht wieder mit Erde bedeckt. Willie beschreibt die Arbeit mit den Worten: „Ich möchte mit der Aktion einen Beitrag dazu leisten, dass Kunst nicht sichtbar sein muss, um uns zu erreichen und darauf aufmerksam machen, dass die Erde verbirgt und konserviert, was wir hinterlassen.“
Dieses Motiv des Vergrabens zieht sich auch durch MOMMY, eine aktuelle partizipative Arbeit von Willie. Alle außer cis Männer sind eingeladen, kleine selbstgestaltete Daumenschalen beizutragen. Diese werden Teil einer wachsenden gemeinsamen Installation, die im August vergraben wird. Die Schalen werden dadurch zu Spuren, zu möglichen Zeitzeugnissen, zu kleinen körperlichen und symbolischen Beiträgen einer gemeinsamen Arbeit.
Die vergrabene Tafel ist eine frühere Arbeit, die bereits vergraben wurde. MOMMY ist eine eigenständige, aktuelle Arbeit, die im Rahmen der Ausstellung weiterwächst.
Zara Alexandrova zeigt mit Dowry eine Arbeit, die einen Alltagsgegenstand mit Fragen nach Wert, Geschlecht, Besitz und unsichtbarer Arbeit auflädt. Ein Wischmop, dessen unterer Teil mit zahlreichen Perlen gestaltet ist, erscheint zugleich häuslich und kostbar, funktional und schmuckhaft. Der Titel Dowry, also Mitgift, verweist auf historische und gesellschaftliche Vorstellungen von Ehe, Familie, Besitz, Weitergabe und weiblicher Rolle. In Verbindung mit dem Wischmop entsteht eine Spannung zwischen Sorgearbeit und Schmuck, zwischen häuslicher Tätigkeit und sozialem Wert, zwischen glänzender Oberfläche und unsichtbarer körperlicher Arbeit.
Die Arbeiten von Willie und Zara Alexandrova treten in Installations Vivantes miteinander in ein vielschichtiges Gespräch. Bei Willie geht es um Spuren, die verborgen, vergraben, geschützt oder konserviert werden. Bei Zara Alexandrova wird ein Gegenstand sichtbar und kostbar, der sonst leicht übersehen wird. Gemeinsam fragen die Arbeiten: Was wird in Körpern, Familien, Räumen und Erde gespeichert? Welche Geschichten werden sichtbar gemacht, welche bleiben verborgen? Welche Arbeit wird anerkannt, welche verschwindet? Und was könnte eines Tages wiedergefunden werden?
Als Feministisches Zentrum Weißensee Paula Panke verstehen wir diese Ausstellung auch im Kontext unserer Gleichstellungsarbeit. Wir schaffen Räume für Frauen und FLINTA*, für Begegnung, Beratung, Kultur, Austausch und politische Bildung. Zu Paula Panke gehört auch die Arbeit in unseren Zufluchtswohnungen, in denen Betroffene und Überlebende häuslicher Gewalt begleitet werden. Die Ausstellung knüpft an diese Arbeit an, indem sie künstlerische Räume für Sichtbarkeit, Beteiligung, Erinnerung und solidarische Zeug*innenschaft öffnet.
Installations Vivantes gibt keine einfachen Antworten. Die Ausstellung lädt dazu ein, hinzusehen, sich berühren zu lassen, Fragen zu stellen, zu partizipieren und über das Verhältnis von Gewalt, Erinnerung, Körper, Sorgearbeit und künstlerischer Beteiligung ins Gespräch zu kommen.
Die Ausstellung kann in den nächsten drei Monaten jeden Dienstag von 18-22 Uhr im Feministischen Zentrum Weißensee Paula Panke besucht werden. Eine Beteiligung an den partizipativen Arbeiten ist weiterhin möglich.
