Freiräume überall!

Konferenz „Frauenräume überall“: 30 Jahre ostdeutsche Frauenprojekte

Diese Konferenz sollte eine große werden und ein Wiedersehen vieler Aktivistinnen sein, die sich seit 30 Jahren vom Kap Arkona bis Suhl für die Rechte und die Gleichstellung von Frauen in den neuen Bundesländern engagieren. Doch Corona machte auch hier einen Strich durch die Rechnung:

Am 19. September 2020 konnten nur wenige bei der Konferenz
„Akteurinnen des Wandels – 30 Jahre ostdeutsche Frauenprojekte“ vor Ort in der Berliner Kulturkantine dabei sein – eine Konferenz, die das Frauenzentrum Paula Panke mit Unterstützung der Rosa Luxemburg Stiftung organisiert hat. Doch auch das machte Corona möglich: die Konferenz fand zeitgleich digital statt und alle Redebeiträge wurden aufgezeichnet.

Federführend organisiert und moderiert hat die Konferenz Astrid Landero, die bis März 2020 Geschäftsführerin des Frauenzentrums Paula Panke war. Sie eröffnete die Konferenz mit einem kurzen Rückblick auf die Gründungsgeschichten der ostdeutschen Frauenprojekte.

Astrid Landero
Foto: Paula Panke

Ein kurzer Rückblick
„Der im Dezember 1989 gegründete Unabhängige Frauenverband (UFV) sowie Festlegungen der Runden Tische in den letzten Tagen der staatlichen Existenz der DDR waren die politische und ökonomische Voraussetzung für die Gründung von ca. 90 Frauenprojekten von Kap Arkona bis Suhl zu Beginn der 1990iger Jahre. Es waren Jahre dramatischer gesellschaftlicher Umbrüche, gekennzeichnet durch Massenarbeitslosigkeit, Schließung von Kindereinrichtungen sowie einem komplett neuen Rechts- und Sozialsystem. Das ergab einen Riesenbedarf nach Rechts- und Sozialberatung, Kinderbetreuung, Weiterbildung, kultureller und politischer Bildung, Kommunikation und Austausch sowie Schutz vor häuslicher Gewalt“, erzählte Landero und übergab das Wort an Daniela Trochowski von der Rosa Luxemburg Stiftung.

Daniela Trochowski
Rosa Luxemburg Stiftung
Foto: Paula Panke

1990 lagen Gewinne und Verluste nah beieinander
Daniela Trochowski stellte fest, dass für die ostdeutschen Frauen Gewinne und Verluste vor 30 Jahren nah beieinander lagen. Bei den Verlusten wogen vor allem der von verantwortungsvoller Arbeit und sicherer Kinderbetreuung schwer. Auf der anderen Seite gab es neue Chancen und diese wollten die unabhängigen und selbstbestimmten ostdeutschen Frauen nun in allen Bereichen ihres Lebens selbst in die Hand nehmen. Dabei spielen die Frauenprojekte bis heute eine wichtige Rolle: als Ort der Beratung, der Solidarität und des Austauschs.

Heike Gerstenberger
Foto: Paula Panke

Handlungsfähig nur mit vorhandenen Frauenstrukturen
Gleich im Anschluss kam Heike Gerstenberger zu Wort, die seit 30 Jahren als Gleichstellungsbeauftragte im Bezirk Pankow tätig ist. Für sie sind von Beginn ihrer Tätigkeit an bis zum heutigen Tag die Frauenprojekte die wichtigsten Bündnispartnerinnen.

„Meine Erfahrung zeigt: Ohne diese Frauenstrukturen sind Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte – in der Mehrzahl Einzelkämpferinnen – nur sehr eingeschränkt handlungsfähig. Nur durch den engen Kontakt zu Frauen unterschiedlichen Alters und sozialem Hintergrund wissen die Projektmitarbeiterinnen um deren Bedarfe, Probleme und Sorgen, die dann durch die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten aufgegriffen werden können“, hält Gerstenberger gleich zu Beginn ihrer Rede fest.

Als sie 1990 mit ihrer Arbeit im Bezirksamt anfing, wusste kaum jemand mit ihrem Tätigkeitsfeld etwas anzufangen. Also begann sie mit stiller Lobbyarbeit nach innen und außen.

„Oft musste im Detail nachgezeichnet werden, wie sehr scheinbar allgemein gültige Reglungen tatsächlich aus der Interessenslage von Männern entwickelt worden sind. Vor 1990 gab es keine Frauenhäuser, keine Beratungsstellen für Frauen und auch keine offiziellen Orte, an denen sich Frauen treffen konnten, so wie wir sie heute kennen. Die umfassende Politisierung und vor allem die Aufbruchstimmung bewirkten ein hohes Maß an Eigeninitiative und den Mut neue Strukturen von und für Frauen zu schaffen“, blickt Heike Gerstenberger heute zurück.

Frauenprojekte sind Orte der Beratung UND der politischen Diskussion
Es ging damals vorrangig um die Legitimation von Frauenstrukturen und Frauenorten sowie das Erstreiten von Zuwendungen für Personal und Miete für diese neu geschaffenen Räume. Die ersten Arbeitsschwerpunkte für die Projektmitarbeiterinnen und Gleichstellungsbeauftragten in den Berliner Bezirken und neuen Bundesländern waren, über das neue Rechtssystem zu informieren sowie die neuen Strukturen von Sozial-, Arbeits- und Jugendamt zu erklären.

„Dabei waren wir oft gerade mal einen winzigen Schritt den Frauen voraus, die zu uns in die Beratung kamen“, erinnert sich Heike Gerstenberger. Zurückblickend hat sich in den ehemals Ostberliner Bezirken eine gut funktionierende Fraueninfrastruktur etabliert. Auch das Pankower Frauennetzwerk ist gewachsen. Durch die Sparzwänge der öffentlichen Hand in den vergangenen Jahren sei der Kampf um ihren Fortbestand jedoch immer zeitaufwendiger.

Wichtig ist es Heike Gerstenberger festzuhalten, dass es den Projektfrauen nicht allein darum ging und geht, Frauen einen Raum für Informationen, Beratung und Austausch zu geben. Noch wichtiger ist es, mit den Angeboten gesellschaftskritische und feministische Diskussionen sowie Auseinandersetzungen anzustoßen. Kurz: es gehe um politisches Engagement.

„Gemeinsam müssen alle Frauen gemeinsam aktiv und laut werden in einer Zeit, in der viele frauenpolitische Errungenschaften wieder infrage gestellt werden, in der wir tagtäglich mit verdeckten und offenen Formen des Antifeminismus – zu weiten Teilen aus der bürgerlichen Mitte – sowie mit offen rechtsradikalen Angriffen konfrontiert werden“, mahnte die Gleichstellungsbeauftragte.

Dr. Franziska Schutzbach
Foto: Paula Panke

Ursachen von Antifeminismus und Frauenfeindlichkeit
Das war eine gute Überleitung zu dem Vortrag von Dr. Franziska Schutzbach , die nach der Pause aus wissenschaftlicher Sicht über die Ursachen von Antifeminismus und Frauenfeindlichkeit sprach.

Gleich zu Beginn ihres Vortrags verweist die Wissenschaftlerin auf Parallelen aktueller Entwicklungen und Debatten im europäischen Raum zum Antimodernismus des Fin de Siècle zu Beginn des 20. Jahrhunderts, indem sie die bis heute populäre Heidi-Geschichte untersucht.

Diese entfalte die Idee eines natürlichen harmonischen Urzustand. Heidis Begegnung mit einer modernen urbanen Welt ist eine traumatische Erfahrung und bringt keine Veränderung, sondern ist schlecht und bedrohlich.

„Heidi steht für das, was Adorno „Selbstidentität“ nannte: für die Sehnsucht danach, dass Gefühl, Denken und Erleben übereinstimmen und nicht irritiert werden durch die Möglichkeit des Andersseins, der Veränderung.“

Vom Antifeminismus zu Anti-Gender
Auch heute werde, so Schutzbach, verstärkt ein Wertezerfall beschworen und damit die Vorstellung verbunden, es gäbe so etwas wie eine natürliche, also vor-gesellschaftliche, vor-politische Ordnung, die nun durch äußere und innere Feinde korrumpiert werde – zum Beispiel durch „die Lügenpresse“, „die Scharia“, „den Staat“, „Flüchtlinge“ oder durch Feminismus und Gleichstellung.

Heute beobachtet die Wissenschaftlerin eine Akzentverschiebung vom Antifeminismus hin zu Anti-Gender. Da heute eine offensive Infragestellung von Gleichheit nicht mehr mehrheitsfähig sei, werde die Betonung von ‚natürlichen‘ Geschlechterdifferenzen relevant.

„Die neue Rhetorik gegen Gender schafft den (sehr schlauen) Spagat, gleichzeitig für Gleichstellung und gegen Gleichstellung zu sein. (…) Genderismus ist in dieser Logik das neue Feindbild, ein ‚ausgearteter Feminismus’, der zu weit geht, weil er auch noch Frauen und Männer abschaffen will, oder Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit nicht mehr als Norm akzeptiert.“

Seit einigen Jahren fänden diese Diskurse Anklang in allen gesellschaftlichen und politischen Milieus.

„Antifeminismus und Anti-Gender haben offensichtlich eine Scharnierfunktion und bilden eine Art gemeinsamen Nenner für sehr unterschiedliche Lager.“

Übliche Argumentationsmuster von Anti-Gender
Das wirke sich auf politische Institutionen aus, weil Genderforschung anerkannt und Bestandteil institutioneller Abkommen geworden sei. „Dies macht ‚Gender‘ zum geeigneten Feindbild anti-etatistischer Rhetorik: die Rede ist von einer ‚Indoktrination von oben‘ – wahlweise durch die Brüsseler EU-Bürokratie oder den Staat. Gender sei Teil einer ‚Staatsräson‘.“

Fundamentalistische Akteur*innen warnen vor Zerfall und Pluralisierung, wenn Geschlechterrollen hinterfragt und damit angebliche Grundfesten der Gesellschaft wie das Zusammendenken von Weiblichkeit und Mutterschaft sowie durch Sexualpädagogik an Schulen erschüttert werden.

In diese Argumentationsmuster gehört auch der Vorwurf der Gleichmacherei. „Ideen von Gleichheit und Gerechtigkeit werden pauschal des Totalitarismus verdächtigt und als demokratiefeindlich gebrandmarkt (Cancel Culture). An sich harmlose Anliegen – wie beispielsweise genderneutrale-Toiletten oder eine inklusive Sprache – gelten als gefährlich. Der inflationäre Gebrauch des Totalitarismus-Vorwurfs hat zur Folge, dass das Binnen-I oder der Gender_gap als die größten Feinde der freien Gesellschaft erscheinen“, stellt die Wissenschaftlerin fest.

Der Zusammenhang von Antifeminismus, Anti-Gender und Frauenfeindlichkeit (Misogynie)
Die Forschung beobachtet in den letzten 15 Jahren eine Zunahme des Frauenhasses. Das Internet wirke wie ein Resonanzverstärker. Das belegt eine Studie der EPFL Lausanne, der Binghamton University und University of Illionois von 2020, bei der 28 Millionen Posts auf frauenfeindlichen Foren untersucht wurden.

Radikalisierung, Gewalt und Mord aus misogynen Communities wie den INCELs (INvoluntary CELibate) sind keine Seltenheit.

„Sie (die INCECLs, NB) sehen sich als Opfer einer zu weit gegangenen Emanzipation, die angeblich dazu führt, dass Männer ‚wie sie‘ keine Chancen mehr haben.“

Eng verbunden mit den grundlegenden Mustern misogyner Weltanschauung seien bestimmte Konzepte und Bilder von Männlichkeit, argumentiert die Wissenschaftlerin Schutzbach weiter. In der bürgerlichen Gesellschaft herrsche ein Männlichkeitsideal vor, das durch eine hierarchische Abgrenzung zur Weiblichkeit entsteht. „Unmännlich ist, was Anzeichen von Weiblichkeit aufweist“. Eine abwertende Positionierung gegenüber Weiblichkeit ist also nicht nur eine Merkmal frauenverachtender Extremisten, vielmehr ist sie dem ganz ‘normalen’ bürgerlichen Männlichkeitsideal inhärent eingeschrieben.“  

Da in den vergangen Jahrzehnten Frauen in Sachen Gleichstellung immer mehr aufgeholt haben, geraten zentrale Bereiche männlichen Selbstwerts und männlicher Vorherrschaft unter Druck. Auch die #metoo Debatte sei Ausdruck dieses Wandels, da Frauen eben nicht mehr übergriffiges und offensives Flirtverhalten tolerieren.

„Viele Männer hadern ernsthaft damit, dass Frauen heute nicht nur Konkurrentinnen auf dem Arbeitsmarkt, in der Politik oder in zivilgesellschaftlichen Debatten sind, sondern dass sie auch zunehmend selbstbewusst und selbstbestimmt ihr Leben und ihre Sexualität leben.“

Frauenhass kann grundsätzlich alle Frauen treffen, besonders aber jene, die sich nicht weiblichkeitskonform verhalten, so Schutzbach. Sie unterwanderten traditionelle Geschlechterrollen, etwa indem sie laut sind, männliche Vorherrschaft kritisieren, öffentliche Aufmerksamkeit, Deutungshoheit, Einfluss und Macht beanspruchen.

In der traditionellen Aufteilung schuldeten Frauen der Gesellschaft, der Familie, den Männern Aufmerksamkeit, Liebe, Fürsorge und Sex.

„Wenn Frauen ihre zugewiesenen Plätze verlassen, können sich Männer der weiblichen Fürsorge, Zuneigung und Anerkennung nicht (mehr) sicher sein. Das macht Männern schmerzhaft ihre eigene Abhängigkeit und Bedürftigkeit bewusst. Frauen rücken dadurch aus der männlichen Sicht tatsächlich in eine Machtposition. Sie können Liebe entziehen, Fürsorge verweigern und Ansprüche stellen“, argumentiert die Wissenschaftlerin.

Die gängige Strategie der Täter-Opfer-Umkehr ermögliche es, dass Menschen, die strukturelle Nachteile und Angriffe erfahren, zu den eigentlichen Tätern erklärt werden. Diese Strategie erlaubt es nicht nur, Ressentiments und Abscheu ungefiltert freien Lauf zu lassen. Sie macht auch möglich, dass Hass als Gegenwehr, als eine Tugend, und als Heldentat erscheine.

Den gesamten Vortrag von Dr. Franziska Schutzbach könnt ihr euch auf unserem YouTube-Kanal anhören und ansehen. ->LINK

Abschließende Worte von Astrid Landero

Frauenprojekte sind heute anerkannte Partnerinnen der Politik. Sie selbst empfinden sich als politische Einrichtungen für Gleichstellung und gegen Gewalt, als Orte des Diskurses für eine offene und diverse Gesellschaft sowie der Solidarität mit geflüchteten Frauen.

Die ostdeutschen Frauenprojekte stehen insbesondere für einen Feminismus in den Farben Ostdeutschlands. Sie kritisieren die bestehenden Verhältnisse und fordern vor allem eine ökonomische Unabhängigkeit für Frauen sowie die Verbesserung ihrer Erwerbsbedingungen.

Aktuell nehmen die Angriffe von „Rechts“ gegen Frauenprojekte wieder zu: Mit parlamentarischen Anfragen wird versucht, die Legitimität ihrer Existenz und ihre Förderung infrage zu stellen. Hinzu kommen digitale Attacken gegen Gender und Feminismus sowie deren Akteur*innen.

Heute ist es mehr denn je notwendig, dass sich Frauenprojekte austauschen, zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen. Vielleicht war diese „ungewöhnliche“ Konferenz in „ungewöhnlichen“ Zeiten ein kleiner Auftakt für einen neuen gemeinsamen Aufbruch.

Soforthilfe