Incels – Lesung mit Veronika Kracher

Veronika Kracher, Foto: Paula Panke e.V.

Die Journalistin und Autorin Veronika Kracher las am 21. August 2020 bei Paula Panke e.V. aus ihrem Buch „Incels – Sprache, Geschichte und Ideologie eines misogynen Online-Kults“, das im September 2020 erscheint. Wir freuen uns, diese Premiere mit ermöglicht zu haben.

Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Sonntags-Club e.V. und Stop-Stalking statt. Das war für uns alle aufregend. Denn wegen der Corona-Einschränkungen fand die Veranstaltung hybrid statt – online und offline.  Außerdem gab es im Vorfeld unerfreuliche rechtspopulistische Angriffe auf unserer Facebook-Seite.

Die Lesung wurde aufgezeichnet und kann hier das YouTube-Video angesehen werden:

Incel – Involuntary Celibate
Mit Temperament, Tempo und schwarzem Humor las Veronika aus ihrem Manuskript vor und führte uns in die Ideologie der Incel-Community ein. Incel steht dabei für Involuntary Celibate. Die Community vereint weiße junge Männer bis 24 Jahre, die unfreiwillig keinen Sex haben. Daraus entwickeln sie ein toxisches Denken, das etwas Kultartiges hat und aus dem es nur schwer einen Ausweg gibt. Die Autorin zeigt, dass das Phänomen Incels ein Ausdruck der patriarchalen gesellschaftlichen Strukturen ist, in denen wir leben. Nur mit dem Ende des Patriarchats können diese selbstzerstörerischen, frauenfeindlichen Entwicklungen bei jungen Männern nachhaltig behoben werden.

Veronika Kracher beschäftigt sich seit drei Jahren mit der Incel Community. Dass es notwendig ist ein Buch darüber zu schreiben, wurde ihr durch das Medieninteresse klar, das es nach dem Attentat in Halle 2019 gab. Die Motive des Täters waren zwar primär antisemitisch, doch gingen sie auch mit Frauenhass (Misogynie) einher und Incels rückten erstmals in das Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit.

Selbsthass, Frauenhass und Opferdenken als roter Faden
Dabei schaden die Mitglieder der Incel-Community mit ihrer Ideologie auch sich selbst. Es ist ein Denken, das auf Verzweiflung aufgebaut ist. Veronika beschreibt die Community als „eine traurige, toxische Szene“. Schaut man/frau sich die Foren an, ziehen sich Selbsthass, Frauenhass und Opferdenken als roter Faden durch die Chatverläufe.

Frauen-Ideal der Incels: nah an Pädophilie
Sie, die weißen Cis-Männer, sehen sich als Verlierer unserer Zeit. Sie haben sich selbst die ‚Black Pill‘ verschrieben – ein Cocktail aus Nihilismus, Hoffnungslosigkeit und Selbsthass. Treiber ist die Unerreichbarkeit von Sex. Schuld sind die Frauen: Sie sind zu selbständig, zu selbstbewusst und zu feministisch. Die ideale Frau ist für einen Incels weiß, jugendlich, jungfräulich, devot – was einer Glorifizierung der Pädophilie nahekommt. Die Wunsch-Partnerin ist kein eigenständiges Subjekt und steht unter ständiger Kontrolle.

Incels – die Spitze des Eisbergs in einer patriarchalen Gesellschaft
Gewalt gegen Frauen hat bei Incels System. Terrorakte gelten als Rituale der ‚Mannwerdung‘. Doch sind Incels lediglich die Spitze des Eisberges und keine Einzeltäter in einer patriarchalen Gesellschaft: Es geht um Vormachtstellung per Geschlecht.

Das belegt allein schon die Studie des BKA von 2018 für Deutschland, nach der jede Stunde eine Frau in Deutschland Opfer einer Körperverletzung durch den Partner wurde. In einer patriarchalen Gesellschaft werden Männer systematisch von der Verantwortung freigesprochen, mit einer Kränkung umzugehen und sie meinen, sich mit Gewalt durchsetzen zu können.

Der Hass der Incels richtet sich dabei nicht nur gegen Frauen. Ihr Hass trifft auch queere Menschen und alle, die anders sind. Sie entwickeln obskure Theorien zu männlicher und weiblicher Homosexualität, die ihr in Veronika Krachers Buch nachlesen könnt.

Selbstliebe ist möglich
Was der Incel-Ideologie fehlt, ist die Erkenntnis, dass Selbstliebe möglich ist und man sich dafür nicht ununterbrochen selbst optimieren muss. Denn das tun Incels in ihren Foren, weil sie sich selbst als hässlich empfinden: zu klein, zu dünn, die falschen Augenwinkel haben…
„Es ist eine Ideologie, mit der man sich ein Loch gräbt, aus dem man selbst nur schwer wieder herauskommt“, meint Veronika. „Sie brauchen professionelle Hilfe, um dem Selbsthass zu entkommen.“

Profeministische Jungenarbeit ist nötig
Eine couragierte Zivilgesellschaft ist wichtig, um zu verhindern, dass junge Menschen in derartige Strukturen rutschen. Es ist nötig, ihnen mit entsprechenden Beratungsangeboten zu helfen – empfiehlt Veronika. Für die Prävention ist profeministische Jungenarbeit nötig, sowie das Freilegen patriarchaler Strukturen in unserer Gesellschaft. Das passt zur aktuellen Bildungsreihe von Paula Panke e.V. „Vom Ende des Patriarchats“.

Veronika Kracher, Foto: Paula Panke e.V.
Veronika Kracher, Foto: Paula Panke e.V.


 
Veronika Kracher hat für ihre Recherchen selbst mit ehemaligen Incels gesprochen. Ihrer Erfahrung nach waren die jungen Männer mental am Boden zerstört. Für den Weg aus der ungesunden Sucht der Selbstverletzung benötigen sie eine Therapie. Aber noch wichtiger ist der Rahmen:

„Damit die Incel-Ideologie für sie nicht mehr attraktiv ist, müssen sich die Verhältnisse ändern. Gesellschaften, in denen es legitim ist nach unten zu treten, um sich besser zu fühlen, gehören abgeschafft!“

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