Gedenktafel KZ Ravensbrück für Gedenken an lesbische Frauen, Bild: Ulrike Hempel

Gedenktafel KZ Ravensbrück für Gedenken an lesbische Frauen, Bild: Ulrike Hempel

Endlich: Gedenkort für lesbische NS-Opfer im KZ Ravensbrück

Ein Text von Josefine Gladisch

Fast 40 Jahre kämpften lesbische Aktivist*innen für die Anerkennung, die ihnen so lange verwehrt blieb. Zum 77. Tag der Befreiung des KZ Ravensbrück am 1. Mai 2022 wurde endlich ein Ort mit folgender Inschrift eingeweiht: „In Gedenken aller lesbischer Frauen und Mädchen im Frauen-KZ Ravensbrück und Uckermark. Sie wurden verfolgt, inhaftiert, auch ermordet. Ihr seid nicht vergessen.“ 

Die Inschrift sollte auf einer Kugel stehen und enthüllt werden. Fast schon symbolisch ist die Kugel bei der Herstellung zerbrochen. Nun steht die Inschrift auf einer Scheibe und die Einweihung der richtigen Kugel erfolgt im Herbst 2022.

Langer Kampf um die Anerkennung lesbischer Frauen

Als es am 1. Mai 2022 endlich so weit ist, wird es spürbar emotional. „Die Einweihung sollte eigentlich der Schlusspunkt eines europaweiten Kampfes für Würdigung und Sichtbarkeit sein“, sagt Marion Lüttich vom Lesbenring. Doch die zerbrochene Kugel sorgt für weitere Verzögerung. Als wäre der Weg bis hier nicht schon schwer genug gewesen. 

Schon Mitte der 1980er Jahre gedachte die Ostberliner Initiative ‘Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe Berlin – Lesben in der Kirche’ den lesbischen Frauen, die während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland verfolgt und ermordet wurden. Dabei wurden sie vom Staatssicherheitsdienst der DDR (Stasi) bedroht und schikaniert, der Gedenkkranz verbrannt. 

Seit 2012 lagen Anträge bei der Leitung der Gedenkstätte Ravensbrück und dem Vorstand der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten für ein Gedenken vor, die jedoch immer wieder abgelehnt wurden. Die Begründung dafür war, dass nur belegt ist, dass homosexuelle Männer während der NS-Zeit verfolgt und kriminalisiert wurden. Auch in der queeren Szene wurde lange diskutiert, ob eine vergleichbare Verfolgung bei lesbischen Frauen vorhanden war. Der jahrelange Streit um ein dauerhaftes Gedenken fand im Frühjahr 2021 ein Ende. Ein Gutachten beurteilte die Verfolgung als erwiesen, woraufhin der Antrag bewilligt wurde.

Bettina Dziggel hält Rede zur Einweihung der Gedenktafel für Gedenken an lesbische Frauen im KZ Ravensbrück
Bettina Dziggel hält Rede vor Anwesenden zur Einweihung der Gedenktafel für Gedenken an lesbische Frauen im KZ Ravensbrück, Bild: Ulrike Hempel
Gedenktafel zur Erinnerung an lesbische Frauen im KZ Ravensbrück mit Blumengestecken
Einweihung der Gedenktafel zur Erinnerung an lesbische Frauen im KZ Ravensbrück, Bild: Ulrike Hempel

Heteronormative Geschichtsschreibung und die Folgen

Geschichtsschreibung ist nicht neutral. Sie ist genauso sozialisiert wie unsere Gesellschaft und wir selbst. Bis heute ist der Blick vieler Historiker*innen heteronormativ, also einer, der die Heterosexualität als Norm voraussetzt und das führt oft zu so genanntem Straightwashing.
Straightwashing beschreibt diesen heteronormativen Blick auf Geschichte, der queere Personen nicht als solche wahrnimmt oder sogar historische Persönlichkeiten umschreibt, damit ihre Darstellung der Heteronormativität entspricht. In der Folge werden Minderheiten und marginalisierte Gruppen wie die queere Community unsichtbar gemacht. Das heteronormative Narrativ der vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft macht Menschen, die von dieser abweichen, zu Anderen und erstickt sowohl ihre Stimme, als auch Diskriminierungen und Ungleichbehandlungen, denen sie ausgesetzt sind. Aber eben auch die Verfolgung und Vernichtung im KZ Ravensbrück. Daher müssen Aktivist*innen auch heute noch so viele Jahre nach den Gräueltaten für Anerkennung und Würdigung kämpfen. Denn feministische Geschichtsschreibung, Frauengeschichte und queere Geschichte wird noch immer nicht ernst genommen, sagt Historikerin Anna Hájkowá.

 Dabei gibt es durchaus Belege, dass lesbische Frauen verfolgt wurden. Wie bei vielen anderen wurden auch lesbische Frauen in mehrfacher Hinsicht diskriminiert und wurden unter anderen Begründungen inhaftiert. Diese Forschungen werden noch immer oft nicht wahrgenommen. Ein Grund sind die  patriarchalen und konservativen Strukturen in der Geschichtsschreibung. 

So betonte Bettina Dziggel*, Aktivistin der DDR-Lesbenbewegung und Mitbegründerin des ‘Arbeitskreises Homosexuelle Selbsthilfe Berlin – Lesben in der Kirche’ , in ihrer Ansprache auf der Feier: „Frauen und Lesben werden nach wie vor nicht gesehen und das muss thematisiert werden.“

Gedenkkugel ist ein wichtiger Meilenstein

Deswegen ist die Gedenkkugel ein wichtiger Meilenstein. Sie macht lesbische Geschichte endlich sichtbar entgegen aller Ablehnung und Abwertung. Es ist ein wichtiger Schritt für unsere gesellschaftliche Entwicklung, dass wir uns dazu bekennen, was passiert ist. Denn die Geschichte lesbischer Frauen ist unverzichtbar. 

*Nachtrag 25. August 2022
Leider mussten wir, unfassbar für alle, die Bettina Dziggel kannten und mit ihr verbunden waren, die Aktivistin bereits im Alter von 62 Jahren für immer verabschieden. Sie ist am 5. Juli 2022 verstorben. Mehr über diese bemerkenswerte Frau in unseren Reihen könnt ihr z.B. in diesem Nachruf des Magazins „Siegessäule“ lesen: „Bettina Dziggel ist tot“.

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