Andrea Zemskov-Züge, Zeichnung: Pavel Zemskov

Andrea Zemskov-Züge, Zeichnung: Pavel Zemskov

Paula Talk mit Andrea Zemskov-Züge zu Krieg und Versöhnung

Beitrag von Rebecca Jung

Am 22. Februar 2024 las die Historikerin und Slawistin Andrea Zemskov-Züge bei Paula Panke aus ihrem unveröffentlichten Roman „…mit den Lebenden wie mit den Toten“. Es war bewegend zu hören wie das Buch entstanden ist. Für den Roman verdichtete Andrea lebensgeschichtliche Interviews mit Menschen, die vom Abchasisch-Georgischen Krieg 1992/93 betroffen waren, zu einer fiktiven Handlung. In der Lesung sprachen wir über Dynamiken, die Gesellschaften spalten und wie Eskalationsprozesse entstehen, über Verheerungen des Krieges und wie Versöhnung gelingen kann. Das Gespräch war uns angesichts der vielen Konflikte und Kriege weltweit wichtig, insbesondere zwei Jahre nach dem Überfall auf die Ukraine durch Russland.

Bereits seit den 1990er Jahren führte Andrea lebensgeschichtliche Interviews mit Menschen verschiedener Konfliktparteien in Abchasien, Georgien und Süd-Ossetien und wertete weitere Interviews aus. Seit 2004 wandte sie in Projektzyklen mit OWEN e.V., der Mobilen Akademie für Geschlechterdemokratie und Friedensförderung e.V. in Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung wissenschaftliche Interviewmethoden im zivilgesellschaftlichen Bereich an. Mit der Berghof Foundation arbeitete sie zu Versöhnungsprozessen zwischen jungen Leuten aus Georgien, Abchasien und z.T. Südossetien.

Geschichten, die es wert sind gehört zu werden

Inspiriert von ihren Erfahrungen und Erlebnissen in Georgien und Abchasien wollte Andrea die vielen erzählten Erinnerungen und Eindrücke, die in ihrem Kopf immer lauter wurden, in Form eines Romans festzuhalten. Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen und erzählt aus der Perspektive verschiedener Protagonist*innen über den Beginn des Krieges und die Folgen für deren Leben. Er zeigt eindringlich Dynamiken, die die Ausnahmesituation Krieg entfaltet und wie schwer, aber wichtig es ist, menschlich und empathisch zu bleiben. Die Situation im Buch eskaliert, als Protagonist*innen erleben, wie Gewalt entsteht und sich damit auseinandersetzen müssen, wie sie dazu stehen. Dazu gehört auch sexualisierte Gewalt gegen eine Frau „der anderen Seite“.  

Gemeinsame Geschichten schaffen Verbindung

Wichtig war Andrea, in ihrem Roman die Geschichten beider Seiten zu erzählen und zu zeigen, dass es weniger um das Trennende von Erinnerungen, sondern das Verbindende gemeinsamer Geschichten geht. Im Roman erhalten Leser*innen aus der Sicht verschiedener Charaktere Einblick in deren Lebenswege, die Facetten des Konflikts und die Auswirkungen auf das Leben der Menschen vor Ort.

Bei der Lesung entspann sich ein Gespräch über die Traumata in einer Gesellschaft, die vom Krieg gezeichnet und in Trauer gefangen ist. Fragen an diesem Abend drehten sich um Themen wie Was bedeutet Frieden? und Wie kann Frieden gelingen?  Andrea erzählte uns von den Ursprüngen des Konflikts zwischen Abchasien und Georgien. Wir sprachen über die Rolle des Nationalismus auf beiden Seiten, die zu den Spannungen und letztendlich zum Krieg führten.

Können Gespräche Frieden bedeuten?

Andrea betont die Wichtigkeit, alle Geschichten anzuerkennen und zu verstehen, um den Weg der Versöhnung einschlagen zu können. Abschließend unterstrich sie die Bedeutung des Dialogs, insbesondere in schwierigen Zeiten. Indem sie Menschen zusammenbringt und zum Gespräch anregt, hofft sie, einen Beitrag zur Verständigung und Versöhnung in einer zerrissenen Gesellschaft zu leisten.

Buchcover „…mit den Lebenden wie mit den Toten“ von Andrea Zemskow-Züge

Der Abend mit Andrea Zemskov-Züge war eine inspirierende Reise durch die Tiefen menschlicher Erfahrungen und Emotionen. Das Gehörte brachte uns dazu, über die Bedeutung von Frieden und das Verbindende von Erinnerung nachzudenken.

Aktuell liegt das Buch noch nicht gedruckt oder im digitalen Format vor, ist jedoch in Arbeit. Es gibt bereits das Buchcover, das mit einem Foto von Andrea gestaltet ist. Sie hat es selbst in Abchasien gemacht. Es bezieht sich auf den Titel ihres Romans „…mit den Lebenden wie mit den Toten“ nach einem Zitat von Arseni Roginski.

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