Paula Talk: Wie Familie, nur besser mit Andrea Newerla. Bild: Paula Panke

Paula Talk: Wie Familie, nur besser mit Andrea Newerla. Bild: Paula Panke

Paula Talk mit Andrea Newerla: Wie Familie – nur besser 

Muss Familie immer aus einem heterosexuellen Paar in romantischer Beziehung mit Kindern bestehen oder können auch Freundschaften, Wahlfamilien und gemeinschaftliche Wohnformen tragfähige Antworten auf die Veränderungen unserer Zeit sein?

Wie geht es denn anders?

Über diese Fragen sprach die promovierte Soziologin, Beziehungsberaterin und Autorin Dr. Andrea Newerla beim Paula Talk am 25. Juni 2026 bei Paula Panke in Pankow. Im Mittelpunkt des Gespräches stand ihr aktuelles Buch „Wie Familie, nur besser: Wie wir neue Formen des Zusammenlebens gestalten“. Darin geht sie auf eine Frage ein, die ihr vorheriges Buch „Das Ende des Romantik-Diktats“ (Link: https://www.paula-panke.de/lesung-newerla-romantikdiktat/) immer wieder aufgeworfen hat: „Wie geht es denn anders?“ Andreas Antwort: Familie muss nicht ausschließlich über romantische Partnerschaften oder Elternschaft definiert werden. Entscheidend sind Menschen, die füreinander Verantwortung übernehmen und sich gegenseitig Fürsorge und Verlässlichkeit schenken.

Die Idealisierung von Familie hält der Realität nicht stand

Im Gespräch zeigte sie, dass die Kleinfamilie und wie wir sie heute kennen, ein historisch vergleichsweises junges Modell ist. Die verbreitete romantische Vorstellung von Ehe und Familie als sicherem Ort für das ganze Leben hält der Realität nicht stand. Die durchschnittliche Ehe dauert 15 Jahre. In vielen Kleinfamilien erleben Menschen psychische und physische Verletzungen bis hin zu Gewalt. Und trotzdem halten wir daran fest. Weil diese Form des Zusammenlebens einer gesellschaftlichen Norm entspricht. Die darin eingeschriebenen Rollenverteilungen und ungleichen Machtverhältnisse zuungunsten aller nicht cis männlichen Personen werden selten ausgehandelt und kaum hinterfragt – Patriarchat at its best. Bricht diese Paarbeziehung auseinander, stehen viele vor einem Scherbenhaufen ihres Lebensentwurfs, erleben sozialen Abstieg, Überforderung und Einsamkeit. Andere Formen des Zusammenlebens bieten hier Alternativen, über die man zumindest einmal nachdenken sollte.

Einander lieben, gemeinsam wohnen, zusammen Geld haben, umeinander sorgen
Andrea hat das getan und Gespräche mit Menschen geführt, die bewusst in anderen Kontexten zusammenleben und ihr „intimes Fundament“, also enge Beziehungen zu anderen Menschen, breiter aufstellen. Diese Gespräche hat sie nach wesentlichen Aspekten des alltäglichen Lebens sortiert: einander lieben, gemeinsam wohnen, zusammen Geld haben und umeinander sorgen. Hier werden interessante Lebensentwürfe beschrieben, die deutlich machen, dass es nicht die eine Lösung gibt. Zusammenleben erfordert Gespräche und Aushandlungen. Die sollten möglichst auf Augenhöhe geschehen und zu einer Balance zwischen Individuumund Gemeinschaft führen. Voraussetzung dafür ist, eigene Bedürfnisse und Grenzen zu kennen.

Die Kraft von Freund*innenschaft und Wahlfamilien

Ein besonderer Fokus lag auf Freund*innenschaften. Anders als in vielen romantischen Beziehungen werden hier Bedürfnisse und Grenzen oft bewusster angesprochen. Von dieser Offenheit könnten auch andere Beziehungsformen profitieren. Zudem ist für viele queere Personen die Wahlfamilie überlebenswichtig, weil sich die Herkunftsfamilien nach ihrem Comingout oft von ihnen abwenden.

Ob Wahlfamilien, Co-Elternschaft oder gemeinsames Wohnen – entscheidend ist nicht die Form, sondern die Bereitschaft, Verantwortung miteinander zu teilen. Aktuell ist das Konzept von Freund*innenschaften in unserer Gesellschaft vor allem Freude und Spaß zu teilen – ohne Verpflichtung. Andrea regt an, hier verbindlicher zu werden und z.B. Alltag und Kalender mehr miteinander zu teilen.

Das Private ist politisch

Bei dem Gespräch wurde deutlich, dass die Frage nach Familie und Zusammenleben weit über das Private hinausgeht. Iin ihrem Buch schreibt Andrea:

Weder in Schulen, Kleinfamilien oder an Arbeitsplätzen lernen wir, wie wir miteinander kooperieren, zusammenarbeiten, Lösungen finden, so dass niemand ausgeschlossen wird und jede Person gleich viel zählt – Basis jedes demokratischen Miteinanders.

Übung ist dafür nötig: miteinander sprechen, sich gegenseitig zuhören, einander aussprechen lassen, wohlwollend anderen gegenüber sein, sich streiten, Konflikte aushalten – alles Dinge, die unsere Gesellschaft dringend braucht.

In unserer offenen Gruppe „In Beziehung sein…“, die Andrea bei Paula Panke Pankow regelmäßig anleitet, kannst du dich dazu austauschen. (https://www.paula-panke.de/gruppen/in-beziehung-sein-offene-gruppe-fuer-alle-arten-von-beziehungen/)

Andrea machte deutlich: Wie wir füreinander sorgen und Verantwortung übernehmen, prägt unsere Gesellschaft. Oder anders gesagt: Das Private ist politisch. Und andere politische Strukturen sind notwendig.

Neu denken statt Gegenentwurf Der Paula Talk lud dazu ein, Familie neu zu denken – nicht als Gegenentwurf zur romantischen Beziehung, sondern als Erweiterung unserer Vorstellungen von Gemeinschaft, Fürsorge und Zusammenhalt.

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