Wie funktioniert “AnDi”- Die neue Anti-Diskriminierungs-App?

„Hi, ich bin AnDi. Ich erkläre dir, was Diskriminierung ist und welche Rechte du hast.“

So stellt sich AnDi, die Antidiskriminierungs-App von der Berliner Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung vor. Sie soll nicht nur dabei helfen über Diskriminierung zu informieren, sondern auch passende Beratungsstellen zu finden, Diskriminierung zu melden und sie zu protokollieren. Seit Ende Oktober 2020 können alle Nutzer*innen eines Smartphones diese App herunterladen. Derzeit funktioniert AnDi in sieben Sprachen: Deutsch, Russisch, Türkisch, Englisch, Farsi, Französisch und Arabisch.

Wir haben uns die neue App genauer angeschaut, um herauszufinden wie sie funktioniert, worüber genau sie informiert und wie leicht sie zu bedienen ist.

Screenshot des Homescreens von AnDi

Die Startseite der App ist klar in vier verschiedene Bereiche unterteilt: Informationen anzeigen, Beratungsstellen finden, Diskriminierung melden, Protokoll anlegen.

Informationen anzeigen

Tatsächlich schafft AnDi es, kurz, klar und trotzdem ausführlich genug über verschiedene Aspekte von Diskriminierung zu informieren. In zehn Punkten erklärt sie, was Diskriminierung eigentlich ist, wo sie überall vorkommen kann und was man tun kann, wenn man Diskriminierung erfährt. Sie erläutert, wieso es überhaupt wichtig ist, Diskriminierung zu melden:

 „Nur wenn Diskriminierungen öffentlich gemacht werden, kann sich etwas ändern.“

Sie zählt diverse Gründe auf, wieso Menschen diskriminiert werden und erklärt, welche Gesetze es gibt, die gegen bestimmte Diskriminierungen schützen sollen. AnDi macht zudem deutlich, dass Diskriminierung nicht nur etwas Persönliches ist, sondern dass es auch strukturelle und institutionelle Diskriminierung gibt.

Ebenso gibt es Menschen, die aus mehreren Gründen diskriminiert werden, zum Beispiel, weil sie einen Migrationshintergrund haben und gleichzeitig queer sind.

AnDi macht klar, dass die verschiedenen Gründe für Diskriminierung nicht einzeln betrachtet werden können, sondern immer miteinander verwoben sind. Ein intersektionaler Ansatz ist beim Thema Diskriminierung besonders wichtig.

Beratungsstellen finden

In dem Bereich „Beratungsstellen finden“ können Nutzer*innen der App nun anhand der Gründe, wieso sie diskriminiert wurden, nach geeigneten Beratungsstellen suchen.

Die Aufteilung ist zunächst übersichtlich und ausführlich: Insgesamt zwölf verschiedene Gründe werden aufgelistet, darunter auch die Möglichkeit, anzugeben, dass man nicht genau weiß, wieso man diskriminiert wurde. Klickt man nun auf einen Grund – zum Beispiel „Geschlecht“ – kann man weiter angeben, in welchem Kontext die Diskriminierung stattgefunden hat. Mit diesen beiden Angaben wählt die App Beratungsstellen aus, die passend für die eigene Situation sein könnten.

Die verschiedenen Beratungsstellen können sogar auf einer Karte angezeigt werden, sodass alle Nutzer*innen schauen können, welche in ihrer Nähe sind. Wählt man eine bestimmte Beratungsstelle aus, zeigt AnDi weitere Informationen und die Kontaktdaten an, man kann sofort auf die E-Mail-Adresse oder die Telefonnummer klicken und die ausgewählte Beratungsstelle kontaktieren.

Dieser Bereich der App ist leicht verständlich und niedrigschwellig zu benutzen. Er bietet beeindruckend viele Möglichkeiten, sich zu informieren und die passende Beratungsstelle zu finden. Schwierig wird es allerdings, wenn Menschen aufgrund von mehreren Faktoren diskriminiert werden. AnDi klärt zwar im Informations-Bereich darüber auf, wie wichtig ein intersektionaler Ansatz ist, bei den Beratungsstellen können aber leider nicht mehrere Gründe gleichzeitig ausgewählt werden.

Diskriminierung melden

Wer sich nicht nur über Diskriminierung informieren oder eine Beratungsstelle finden möchte, sondern auch eine Diskriminierung melden will, kann das über diesen Punkt in der App machen.
AnDi weist noch einmal darauf hin, dass man anonym bleiben kann, dass Freund*innen, Familie oder die Polizei nicht davon erfahren müssen und dass die Daten sicher sind.

Auch diese Kategorie ist sehr übersichtlich gestaltet und einfach zu bedienen. Aber: hier kann man nur aus drei Gründen auswählen, wieso man diskriminiert wurde: Rassismus oder Antisemitismus, sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität und in der Schule oder KiTa.

Andere Gründe für Diskriminierung, wie man sie noch bei den Beratungsstellen finden konnte, tauchen hier nicht mehr auf. Dies könnte zu Verwirrung und Verunsicherung bei einigen Menschen führen, die eine Diskriminierung melden möchten. Erst wenn man sich durch die verschiedenen Möglichkeiten klickt und eine bestimmte Meldestelle auswählt, kann man weitere Gründe für die Diskriminierung nennen. Auch kann man dann angeben, wann und wo es zu einer Diskriminierung kam und genauer beschreiben, was einem widerfahren ist. Was hier leider fehlt, ist die Möglichkeit als Ort das Internet anzugeben. Da Hass und Diskriminierung im Netz ein immer dringlicheres Thema ist, wäre es wichtig, die Möglichkeit zu haben, auch das konkret melden zu können.

Insgesamt wird hier aber, trotz der kleinen Schwächen, eine gute und einfache Möglichkeit geboten, diskriminierende Vorfälle schnell und sicher melden zu können.

Protokoll anlegen

Der letzte Bereich von AnDi ist nur für die Nutzer*innen selbst. Sie haben die Möglichkeit, hier ein genaues Protokoll ihrer Erlebnisse anzulegen, das nicht verschickt oder veröffentlicht wird, sondern dafür da ist, um selbst nichts zu vergessen. So hat man die Möglichkeit, das Erlebte sofort festzuhalten und zu einem späteren Zeitpunkt in Ruhe die Diskriminierung zu melden, wenn man das möchte. Besonders praktisch und inklusiv ist dabei, dass sowohl Sprachaufnahmen als auch Notizen gemacht werden können. Menschen, die Schwierigkeiten haben zu schreiben, oder sich in dem Moment gerade nicht in der Lage sehen, eine lange Notiz zu verfassen, können somit auch die Erlebnisse per Sprachnotiz protokollieren. Für die Protokolle kann zudem ein extra Passwortschutz eingerichtet werden.

Gerade die Möglichkeit der App, geschützt eigene Protokolle der Ereignisse anzulegen, zeigt, dass es bei diesem Projekt eben nicht nur um Informationen geht, sondern auch darum, die eigenen Erlebnisse zu verarbeiten und sammeln zu können. Gerade für Menschen, die viel Diskriminierung erfahren, kann diese persönlichere Herangehensweise wichtig sein.

Unser Fazit

AnDi ist eine gute, sichere und niedrigschwellige Möglichkeit, Diskriminierungen zu dokumentieren, sich darüber zu informieren und Beratungsstellen ausfindig zu machen. Sie ist meist einfach zu bedienen und gibt klare, einfache, aber trotzdem gehaltvolle Informationen.

Einen weiteren Verbesserungsvorschlag haben wir: Noch besser wäre es, wenn AnDi nicht das generische Maskulinum verwenden würde, sondern eine gendergerechte Sprache.

Wir empfehlen die App, weil sie es einfacher macht, Diskriminierungen zu dokumentieren und damit sichtbar zu machen.

Die App kann in den App Stores von Google (Google Play Store) und Apple (iOS App Store) kostenfrei heruntergeladen werden und ist mit allen gängigen mobilen Endgeräten kompatibel.



Einladung: Worldcafé für neue Bildungsreihe 2021/22

Unsere aktuelle Bildungsreihe „Vom Ende des Patriarchats und wie wir es erreichen können“ geht dieses Jahr zu Ende. Obwohl es hier noch viel zu sagen gäbe, ist es Zeit ein neues Thema festzulegen.

Einladung zum Worldcafé, Foto: Paula Panke e.V.

Die Bildungsreihen bei Paula Panke sind richtungsweisend für unsere kulturellen und bildungspolitischen Aktivitäten in den folgenden zwei Jahren. Umso wichtiger ist es, dass ihr euch daran beteiligt, ein passendes Thema zu finden.

Seid dabei!

Seid deshalb dabei, wenn wir uns am 13. November 2020 von 17.00 – 19.30 Uhr austauschen und im Rahmen eines Worldcafé das neue Thema für unsere Bildungsreihe erarbeiten.

Teilnahme nur online möglich

In der aktuellen Situation kann unser Treffen nur online als Zoom-Meeting stattfinden. Den Einladungslink bekommt ihr nach der Anmeldung an programm(at)paula-panke.de zugesandt und benötigt für die Teilnahme nur ein Handy, Notebook oder Tablet mit funktionsfähiger Kamera sowie Mikrofon.

Ablauf
  • Wir werden zwei Themen vorschlagen und ein drittes für eure Ideen offenlassen.  
  • Nach der Begrüßung teilen wir uns auf und kommen für das Worldcafé in drei kleine Gruppen in virtuellen Räumen zusammen.
  • In jedem Raum wird mit einer Moderatorin 20 Minuten über eines der Themen diskutiert.
  • Dann tauschen wir, damit jede Teilnehmerin jeden Raum einmal besucht hat.

Die Moderatorinnen sammeln alle Ideen und Anregungen auf einem virtuellen Pad, fassen die Aussagen inhaltlich zusammen und präsentieren sie am Ende allen Teilnehmerinnen. In der Abschlussrunde legen wir dann gemeinsam das Thema für die neue Bildungsreihe fest.

Themenvorschläge

1. Feminists for Future
Feminismus ist für alle gut und wir sind der Meinung, dass nur mit Feminismus die Welt gerettet werden kann.

Denn egal wo wir hinschauen: Klimakrise, Rassismus, Terrorismus, Finanzkrise, Diskriminierung, Frauenfeindlichkeit oder der reaktionäre Backlash weltweit – immer steckt ein patriarchalisch-hierarchischer Machtanspruch dahinter.

Mit der Bildungsreihe wollen wir verschiedene Aspekte dieses Systems genauer anschauen und zeigen, wie mit Feminismus und Frauenpower diese Welt friedlicher und lebenswerter gemacht werden kann – auch für Männer.

2. Frauen und Zeit/Vom Ende der Zeitnot
Zeit ist Macht – das hat die Corona-Krise wieder sehr deutlich gezeigt. Denn die Care-Arbeit zu Hause haben überwiegend Frauen erledigt, während Männer wissenschaftliche Paper verfassten oder sich weiter mit ihrer Arbeit beschäftigen konnten.

In dieser Situation wurde Frauen noch mehr als sonst die Zeit genommen: Zeit sich zu bilden, Zeit Geld zu verdienen, Zeit für sich.

  • Welche Strukturen greifen, dass überwiegend Frauen sich ihre Zeit wegnehmen lassen?
  • Wie können Frauen lernen, sich ihre Zeit nicht stehlen zu lassen, sondern sie besser für sich zu nutzen?
  • Welche Alternativen gibt es Arbeit neu zu denken, von der 4-Stunden-Woche über ein Bedingungsloses Grundeinkommen bis hin zu Fragen der New Work?

Digitalisierung und Automatisierungen eröffnen hier ganz neue Perspektiven. Und auch das hat die Corona-Krise gezeigt: Arbeit im Home-Office funktioniert. Präsenzzeiten und Dienstreisen sind überbewertet. Sie können wegfallen, anders gestaltet werden und damit: Zeit sparen.

Wir freuen uns darauf mit euch intensiv zu diskutieren und ins Gespräch zu kommen.

Deshalb sind alle Vorstandsfrauen, Mitfrauen, Akteurinnen und Besucherinnen, die ihre Ideen einbringen und unsere Arbeit mitgestalten wollen, herzlich zu dem Worldcafé eingeladen.

Wir sind gespannt auf eure Ideen und Wünsche, wie wir die nächsten zwei Jahre bei Paula Panke gestalten wollen.

Bitte meldet euch am besten gleich an:

programm@paula-panke.de oder 030-4854701

Winter-Spenden-Aktion für „Wir packen’s an“

Logo von Wir packen's an

vom 28.9. bis 30.10.2020 waren wir wieder Sammelstelle für die Initiative Wir packen’s an aus dem brandenburgischen Bad Freienwalde.

Die Nothilfe-Initiative sammelt inzwischen bundesweit für Geflüchtete auf dem Balkan, Lesbos, Chios, Patras, Athen, Thessaloniki und für Rojava/Syrien Sach- und Geldspenden und bringt alles selbst zu den Menschen, die die Hilfe dringend benötigen.

Die Spenden-Sammel-Aktion ist bei uns jetzt beendet, aber ihr könnt natürlich noch direkt bei “Wir packen’s an” Geld spenden, denn die Transporte müssen ja auch finanziert werden. Hier könnt ihr Spenden.

Und ihr wart wieder großartig!

Wir möchten uns ganz herzlich bei allen, die sich an der Spenden-Aktion von “Wir packen’s an” beteiligt haben, bedanken!

Ihr wart im wahrsten Sinne des Wortes wieder umwerfend!

Wir sind völlig überwältigt von der Vielzahl an Spenden, die uns erreicht haben. Da kam nicht nur Jan aus Calvörde mit seinem Kleintransporter vorbei, um die Spenden aus seinem Freundeskreis vorbeizubringen.

Zu unseren Sammelzeiten stand die Klingel nicht mehr still, Menschen jeden Alters kamen vorbei, um kleine und große Spenden vorbeizubringen und ihre Solidarität mit den Menschen in den Geflüchtetenlagern auszudrücken.

Ein großartiges Beispiel für solidarische Zivilgesellschaft

Wir sind der Meinung: das ist ein großartiges Beispiel für eine solidarische Zivilgesellschaft und genau das, was uns am Herzen liegt. Zum Ende der Sammelaktion war unser Raum so vollgepackt mit Spenden, dass wir kaum noch daran vorbeikamen. Unsere Praktikantin Linda haben wir gar nicht mehr gesehen.

Joachim von „Wir packen`s an“ musste dreimal vorbeikommen, um die Spenden abzuholen. Und alle, die vor Ort waren, haben geholfen die Spenden einzuladen.

Herzlichen Dank auch an euch!!

Andreas Steinert von Wir packen's an und Lilly von Paula Panke
Andreas Steinert und Lilly von Paula Panke

Besuch hatten wir ebenfalls von der taz und Andreas Steinert, einem Initiator von „Wir packen“s an“, um über die Spendenaktion zu berichten. Artikel über die Sammelaktion

Weiter geht es am 29.11.20 um 17 Uhr:

Wir unterstützen die Aktion von “Wir packen’s an” #Herzversagenstoppen. Wir rufen euch auf, mit vor dem Berliner Reichstag zum Advent für grenzenlose Solidarität mit Geflüchteten zu singen.

Schwangerschaftsabbrüche müssen legal und sicher sein!

Eine Solidaritätsbekundung mit allen Streikenden in Polen

von Linda Davis

Als feministisches Frauenzentrum, das sich für Geschlechtergerechtigkeit, das Ende des Patriarchats und den Kampf gegen Diskriminierung und Unterdrückung einsetzt, zeigen wir uns solidarisch mit allen, die in Polen die letzten Tage und Wochen friedlich auf die Straße gegangen sind. Wir stehen hinter allen, die nicht nur in Polen, sondern weltweit gegen die Verschärfung von Abtreibungsverboten und somit gegen den massiven Angriff auf grundlegende Menschenrechte von schwangeren Personen protestieren.

Frauenstreik in Polen, Foto: Aj Colores/ Unsplash
Frauenstreik in Polen, Foto: Aj Colores/ Unsplash

Polen verschärft sein Abtreibungsgesetz drastisch

Letzte Woche verschärfte Polen sein ohnehin schon striktes Abtreibungsverbot drastisch: Das von der Regierungspartei PiS kontrollierte Verfassungsgericht erklärte am 22. Oktober 2020 Schwangerschaftsabbrüche selbst bei schwerer Schädigung des Embryos für verfassungswidrig.

Bisher waren in Polen Schwangerschaftsabbrüche dann legal, wenn Gefahr für Leib und Leben der schwangeren Person drohte, wenn der Säugling unheilbar krank oder kaum überlebensfähig zur Welt kommen würde, der Fötus schwerstgeschädigt war, oder wenn die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung oder Inzucht zustande kam.

Eingriff in die Selbstbestimmung und höhere Gesundheitsrisiken für schwangere Personen

In Polen gibt es jährlich weniger als 2000 legale Schwangerschaftsabbrüche. Die meisten davon werden aufgrund der medizinischen Indikation eines schwerstgeschädigten Fötus vorgenommen. Das soll nun nicht mehr möglich sein. Dies bedeutet auch, dass schwangere Menschen in Polen zukünftig gezwungen werden, eine Schwangerschaft auch dann aufrechtzuerhalten, wenn sie eventuell wissen, dass sie nicht erfolgreich sein wird oder dass sie vielleicht ein tod- oder schwerstkrankes Kind auf die Welt bringen werden. Dies ist nicht nur ein massiver Eingriff in die Selbstbestimmung über den eigenen Körper der schwangeren Person, sondern birgt oftmals ebenfalls ein großes Gesundheitsrisiko für die schwangere Person selbst. Sind die Kinder auf der Welt, werden die Elternteile meist kaum unterstützt und bekommen gerade von Staat und Regierung nicht die nötigen finanziellen und zeitlichen Ressourcen zugesprochen, die sie benötigen.

Anhaltende und laute Proteste in Polen

Seit Bekanntmachung des Gesetzes gehen zehntausende Pol*innen auf die Straße, um dagegen zu protestieren. Sie demonstrieren für die Selbstbestimmung von schwangeren Personen und dafür, dass diese selbst entscheiden dürfen, was sie mit ihrem Körper machen und was nicht. Der Kampf für Gesetze, die legale und sichere Schwangerschaftsabbrüche möglich machen, wird in Polen schon lange von zahlreichen Aktivist*innen geführt. Das neue Gesetz hat nochmals mehr Menschen motiviert, sich diesem Kampf anzuschließen.

Schon seit Jahren versucht die Regierung in Polen, Abtreibungsrechte immer weiter einzuschränken. Mittlerweile hat Polen die striktesten Gesetze dazu in ganz Europa. Auch wenn die Lage in Polen aktuell alarmierend ist, bedeutet das nicht, dass in anderen Ländern Europas schwangere Personen die Rechte haben, die ihnen zustehen müssten und selbst über ihren Körper entscheiden könnten.

Striktere Verbote führen nicht zu weniger Schwangerschaftsabbrüchen

Zahlreiche Studien zeigen: Striktere Abtreibungsverbote sorgen nicht dafür, dass weniger Schwangerschaftsabbrüche stattfinden. Sie führen lediglich dazu, dass diese nicht sicher und nicht legal stattfinden. Sie bringen somit die schwangeren Personen in gesundheitliche Gefahr und oftmals zusätzlich in finanzielle Nöte.

Der Kampf für mehr Selbstbestimmung muss weitergehen

Wir verstehen die Verschärfung der Abtreibungsgesetze als den Akt einer patriarchalen Gesellschaft, die Frauen wieder in ihre traditionellen Schranken verweisen möchte. Es zeigt die Re-Traditionalisierung der Geschlechterrollen, die auch ganz deutlich in der Corona-Pandemie spürbar sind.

Die Entscheidung, was eine schwangere Person mit ihrem Körper macht und was nicht, sollte niemand anderes treffen als die Person selbst.

Wir als Paula Panke stehen ein für die Selbstbestimmung aller schwangeren Personen und für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Reproduktionsrechte sind Menschenrechte und jede schwangere Person muss Zugang zu sicheren und legalen Schwangerschaftsabbrüchen haben!

Nicht nur Frauen können schwanger werden

Wir möchten noch einmal daran erinnern, dass nicht nur Frauen schwanger werden können. Auch beispielsweise nicht-binäre Personen, intersexuelle Personen oder Transmänner können schwanger werden. Sie erleben zudem oftmals in der Zeit der Schwangerschaft, egal ob sie einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen wollen oder nicht, viele zusätzliche Hürden, Schwierigkeiten und Diskriminierung, die Cis-Frauen nicht erleben.

Paula Talk mit Hannah El-Hitami „Die unterdrückte Andere – der westliche Blick auf muslimische Frauen“

Am Mittwoch, den 21.10.2020 fand unser fünfter Paula Talk statt. Diesmal hatten wir die freie Journalistin Hannah El-Hitami zu Gast. Unsere Vorstandsfrau Lea Marignoni sprach mit ihr über Feminismus und Islam, ihre Arbeit als Journalistin und die aktuellen feministischen Bestrebungen in Ägypten.

Hannah El-Hitami, die arabische Literatur und Kultur studiert hat, schreibt am liebsten über Gesellschaft und Politik der arabischen Welt, über Migration sowie postkoloniale Perspektiven. Das hat auch einen persönlichen Hintergrund: Ihr Vater ist Ägypter und sie reist häufig nach Ägypten.
Im Moment berichtet Hannah viel aus Koblenz vom weltweit ersten Prozess gegen zwei mutmaßliche Handlanger des syrischen Machthabers Baschar al-Assad vor dem Oberlandesgericht.

Hannah und Lea im Gespräch

Wir brauchen mehr Diversität im Journalismus
Hannah erzählt, dass sie als Frau in Deutschland im Journalismus mit den üblichen Problemen konfrontiert ist: nicht als professionelle Person wahrgenommen oder einfach übergangen zu werden. Das ist in ihren Augen jedoch nicht das Hauptproblem: Ihrer Meinung nach müssten sich deutsche Medien insgesamt mehr mit dem Thema Diversität im Journalismus auseinandersetzen. Die Fragen sind:
– Wer schreibt eigentlich?
– Wer hat Zugang zu journalistischen Ausbildungen und Berufen?
– Sind auch migrantische Stimmen dabei?

Sie bemängelt beispielsweise, dass bei Berichten und Korrespondenzen aus arabischsprachigen Regionen häufig Menschen berichten, die selbst kein arabisch sprechen. Arabischkenntnisse werden oft nicht einmal in Stellenausschreibungen deutscher Medien für Korrespondentenstellen in arabischsprachigen Ländern gefordert. Bei anderen Sprachen wie beispielsweise Spanisch beobachtet sie das nicht.

Hannahs Weg zum Feminismus
Wie sie genau zum Feminismus gekommen ist und seit wann sie sich für feministische Themen interessiert, kann Hannah nicht so genau sagen. Geprägt hat sie jedoch besonders ein halbjähriger Aufenthalt in Kairo nach dem Abitur. Hier erlebte sie viel Belästigung, blöde Sprüche und Blicke in der Öffentlichkeit. Das machte sie wütend und trug dazu bei, sich mit ungleichen Geschlechterverhältnissen auseinanderzusetzen – nicht nur in Kairo, sondern auch in Deutschland.

Wer wird gehört und wer darf sprechen?
Ebenfalls prägend für sie war ihr Masterstudium, in dem sie sich intensiv mit postkolonialen Theorien auseinandersetzte. Dabei geht es darum, mächtige Stimmen, herrschende Machtverhältnisse und eine eurozentristische Perspektive infrage zu stellen. Hannah bemerkte schnell, dass sich dieser Ansatz auf die Verhältnisse zwischen den verschiedenen Geschlechtern übertragen lässt. Vor allem bei den Fragen, wer eigentlich gehört wird sowie wer sprechen kann und darf, herrscht ein klares Machtgefälle zwischen den Geschlechtern.

Eine intersektionale Perspektive ist unerlässlich
Als Journalistin hat Hannah schon einige Frauen mit Migrationshintergrund interviewt. Auf die Frage, inwiefern das zu einer neuen Perspektive auf den Feminismus bei ihr geführt hat, erzählt sie, dass für sie vor allem ein intersektionaler Blick auf Feminismus hinzugekommen ist. Feminismus ist eben nur ein Aspekt von vielen beim Kampf um Gleichberechtigung und gegen Unterdrückung. Anti-Rassismus sei beispielsweise genauso wichtig, sagt Hannah. Der Begriff „Feminismus“ muss erweitert werden, damit an alle Frauen gedacht werden kann.

Wie Rassismus und Sexismus miteinander verknüpft sind
Hannah macht an einem Beispiel deutlich, wie Rassismus und Sexismus zusammenhängen: Ihr ist aufgefallen, dass vor allem über Frauen aus Nordafrika in sehr rassistischer Weise geredet wird. Die Annahme, dass alle Frauen dort unterdrückt sein müssten, schwingt dabei häufig mit. Sie rät dazu, mehr im eigenen Umfeld und im eigenen Land zu schauen. Als Beispiel erzählt sie von einer Studie, die den Umgang mit sogenannten „Ehrenmorden“ und mit anderen Morden an Frauen in Deutschland vergleicht. Die Studie zeigt, dass häufig die Unterstellung herrscht, ein Ehrenmord sei viel „schlimmer“ als ein Mord aus Eifersucht oder anderen Gründen.

Die Körper der Frauen als Ort von Debatten
Ausführlicher sprechen Hannah und Lea über die sogenannte Kopftuchdebatte. Hannah bemerkt, dass sich der politische Diskurs über Frauen, die ein Kopftuch tragen, seit 2015 nochmals verschärft hat. Dieser Diskurs ist nicht neu, sondern historisch gesehen eine gängige Sache. Schon immer wurden politische Debatten auf dem Körper der Frau ausgetragen und der Körper der Frau als Maßstab genommen, ohne ihnen dabei ein Mitspracherecht einzuräumen. In rechten Debatten wird oft deutlich, dass es nicht um Feminismus oder eine Befreiung der Frau geht. Die Behauptung, dass Männer „ihre“ Frauen in Gefahr sehen und sie schützen wollen, verdeutlicht eigene Besitzansprüche an „ihre“ Frauen. Frauen werden so zu Objekten, die Männern dazu dienen, in der Hierarchie selbst besser dazustehen.

Frauen mit Kopftuch können feministisch sein!
Die immer wiederkehrenden Fragen, ob Frauen mit Kopftuch Feministinnen sein können und ob Islam und Feminismus zusammengeht, sollten Hannahs Meinung nach gar nicht mehr gestellt werden. „Feminismus ist kein Zustand, sondern es geht immer darum, in einer Situation etwas zu verbessern“, bemerkt sie. Im Grunde seien alle Religionen patriarchal geprägt, so wie die gesamte Geschichte der Menschheit. Trotzdem können religiöse Frauen feministisch sein. Der Sinn von Feminismus sei es, genau diese patriarchalen Verhältnisse verändern zu wollen, und zwar in allen Bereichen des Lebens.

Die Vorurteile gegenüber dem Islam sind historisch verwurzelt
Gegenüber dem Islam gibt es zahlreiche Vorurteile und Klischees, unter anderem, dass er frauenfeindlich sei. Auch der Islam habe wie andere Religionen eine patriarchale Geschichte, könne aber ebenso feministisch ausgelegt werden, da die arabische Sprache sehr flexibel ist, erklärt Hannah. Sie sieht das negative Bild vor allem historisch verwurzelt: Die Region, in der sich der Islam entwickelt hat, ist geographisch relativ nah an Europa. So wurde der Islam, der sich sehr schnell und erfolgreich ausbreitete, als direkte Konkurrenz zum Christentum und damit als gefährlich angesehen. In der Epoche der Aufklärung, als Europa wirtschaftlich und intellektuell aufstieg, kehrte sich die Situation um und der Islam wurde minderwertiger betrachtet. Er diente in der Geschichte immer als Gegenstück zu Europa. Gleichzeitig wurde der Orient in Europa als Ort des heimlichen Begehrens, als erotisch und geheimnisvoll, aber auch als schmutzig und verrucht konstruiert. Diese Vorstellungen fänden sich auch heute noch, ob in den Meinungen einzelner Personen, oder auch in Filmen, Büchern, Serien und in der Werbung. 
Die Feindseligkeit gegenüber dem Islam ist also historisch gewachsen. Es herrscht eine spezifische Konkurrenz, die sich bis heute zeigt. Darum ist es so schwierig, die Hürden zu überwinden, Vorurteile abzulegen und Muslim*innen als ganz normale Teilnehmer*innen der Gesellschaft anzusehen.

Feministische Kämpfe in Ägypten
Dass feministische Kämpfe sehr anders aussehen können, je nachdem wo sie stattfinden, zeige sich an den Unterschieden zwischen Deutschland und Ägypten: Die Voraussetzungen, sich politisch beteiligen zu können, sind in Ägypten ganz andere. Da viel mehr auf dem Spiel steht als in Deutschland, ist die aktive, feministische Community in Ägypten deutlich kleiner. Auch sind die Themen aufgrund einer anderen Gesetzeslage unterschiedlich. Die Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt ist zwar länderübergreifend ein Thema, aber beispielsweise spielen Fragen nach beruflicher Gleichstellung in Ägypten bisher kaum eine Rolle. Seit 2011 sind immer mehr Frauen in Ägypten in die Öffentlichkeit gegangen und legten den Grundstein für eine feministische Bewegung. Aktuell setzt sich die ägyptische Öffentlichkeit mit sexuellen Belästigungen auseinander. Mehrere Männer wurden durch den öffentlichen Aufschrei der Frauen in Ägypten angezeigt und verurteilt.
In Deutschland und in Ägypten zeigt sich, dass sich das Kämpfen für mehr Geschlechtergerechtigkeit und gegen Diskriminierung lohnt.

Der Paula Talk mit Hannah El-Hitami ist weiterhin in voller Länge auf unserem YouTube-Kanal zu sehen:

https://www.youtube.com/watch?v=xTyGzfenUZA&t=1755s

Immer bereit – auch heute noch?

Gedanken zur Vernissage der Ausstellung “Immer bereit!?” von Doreen Trittel

Doreen Trittel, Foto: Doreen Trittel
Doreen Trittel, Foto: Doreen Trittel

Die Vernissage zur Ausstellung “Immer bereit!?” am 16. Oktober 2020 war eine ganz besondere – sicher eine der schönsten und persönlichsten, die bei Paula Panke stattgefunden haben. Aufgrund der Corona-Bedingungen durften nur wenige Gäste vor Ort teilnehmen.

Zum Auftakt gab es ein einführendes Interview mit der Künstlerin Doreen Trittel über ihre Beweggründe und die grundlegenden Themen der Ausstellung, das über Facebook live gezeigt und für unseren Kanal bei YouTube aufgezeichnet wurde.

Unter dem Namen hehocra beschäftigt sich die Künstlerin mit dem Einfluß der Vergangenheit auf die Gegenwart, am liebsten mit Collagen. Gezielt zerstört sie dabei Erinnerungen, um mit den Schatten der Vergangenheit zu spielen, sie zu verwandeln, Grenzen zu erkunden und neu zu setzen.

Hier könnt ihr das Live-Video zur Eröffnung  anschauen.



Danach entspann sich in einem Kreis mit nur 8 Personen eine intensive und sehr berührende Gesprächsrunde.

Über die ausgestellten Werke, beispielsweise über die Serie “Die Ketten meiner Großmutter” kamen die Besucher*innen schnell auf ihre eigenen Erfahrungen zu sprechen: über ihre Wahrnehmung und Perspektiven auf das Stasi-Thema, über intergenerative Zusammenhänge und Wirkungen, die bis in die Gegenwart reichen.

Doreen erzählte von einer Selbsthilfegruppe für Menschen, die als “Stasi-Kinder” aufgewachsen sind und dass unabhängig davon schon einige Betroffene auf sie zugekommen sind, als sie begann, mit ihrer Kunst das Thema öffentlich zu machen. Jedoch sind viele der “Stasi-Kinder” sehr zurückhaltend mit ihrer Geschichte. Doreen vermutet, dass hier auch Gefühle von Schuld und viel Unaufgearbeitetes eine Rolle spielen.
Das Thema Schuld bzw. Selbstverständnis in einer Diktatur wurde auch vom Publikum intensiv aufgegriffen.

Ein Titel mit Ausrufezeichen und Fragezeichen
Der Titel der Ausstellung mit der mehrdeutigen Frage “Immer bereit!?” wurde Anlass für eine längere Diskussion. Der damalige Gruß der DDR-Pionierorganisation – immer nur mit Ausrufezeichen – galt als Signal, der sozialistischen Gesellschaft “immer bereit” zur Verfügung zu stehen. Heute kann und muss er mit neuer Bedeutung gefüllt werden: Inwiefern sind wir heute wieder und auf neue Weise “immer bereit”? Als bereitwillig konsumierende Bürger*innen, als stets erreichbare User*innen der digitalen Medien, als rund-um-die-Uhr verfügbare Arbeitsnehmer*innen, Eltern, Pflegende etc.? Deshalb folgt im Titel das Fragezeichen.


Die Ausstellung kann bis zum 29. Januar 2021 bei Paula Panke nach Voranmeldung besichtigt werden. Wer sich mit den spannenden Themen weiter auseinandersetzen möchte, kann gern bei unserem Erzählcafé “Stasi-Kinder” am 16. Dezember 2020 dabei sein und/oder am Workshop “Erinnerung – gestern und heute” im Januar 2021 mit Doreen Trittel teilnehmen.


Anmeldung telefonisch unter 030 – 485 47 02 oder per Mail: programm@paula-panke.de


Außerdem gibt es zur Ausstellung “Immer bereit?!” eine eigene Webseite der Künstlerin – hier klicken!

Paula Talk mit Linus Giese: Mein Leben als trans Mann

von Linda Davis

Linus Giese ist 34, Blogger, Buchhändler und seit kurzem auch Autor. Sein erstes Buch „Ich bin Linus. Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war“ ist dieses Jahr im August erschienen.
Eigentlich hatte Linus nie vor, Autor zu werden. Durch sein Germanistik Studium wuchs zunächst seine Begeisterung für Bücher und er beschloss, nicht nur einen Buchblog zu schreiben, sondern nach dem Studium auch in den Buchhandel einzusteigen. Ein eigenes Buch hat er eigentlich nur geschrieben, weil sich immer mehr Menschen für seine Geschichte interessierten. Am 4. Oktober 2017, kurz nachdem er nach Berlin gezogen war, outete sich Linus nämlich als trans Mann.

Mit unserer Moderation und Mitfrau Lea Marignoni sprach Linus drei Jahre später, am 7. Oktober 2020, bei unserem letzten Paula Talk nicht nur über sein Buch und sein Coming Out, sondern auch über Transfeindlichkeit in feministischen Gruppierungen, die Wichtigkeit von gendergerechter Sprache und die bürokratischen Hürden Deutschlands.

Lea Marignoni und Linus Giese im Gespräch

Mit dem Coffee-to-go-Becher fing alles an
Das Cover seines Buchs ein Coffee-to-go-Becher mit seinem Namen drauf – ist bereits ein Hinweis auf die vielleicht etwas ungewöhnliche Art, wie Linus sich zum ersten Mal als trans Mann outete. Als er am 4. Oktober 2017 einen Kaffee bei Starbucks bestellte und die Bedienung nach dem Namen fragte, den sie auf den Kaffeebecher schreiben sollte, sagte er zum ersten Mal: „Ich heiße Linus.“ Genau diesen Becher fotografierte er danach, postete das Bild auf seinem Facebook-Profil und schrieb dazu, dass er von nun an Linus genannt werden wollte.

Fehlende Worte für die eigenen Gefühle
Im Rückblick auf seine Kindheit kann Linus in Retrospektive erklären, dass er eigentlich schon immer das Gefühl hatte, ein bisschen anders zu sein, sich für andere Dinge zu interessieren und es beispielsweise hasste, einen Badeanzug tragen zu müssen. In der Pubertät verstärkte sich sein Gefühl, sich im eigenen Körper gar nicht wohlzufühlen. Dass er trans sein könnte, kam ihm damals noch nicht in den Sinn. In den 1990er Jahren aufgewachsen hatte er keine Worte dafür, was es bedeutete, trans zu sein. Erst mit 16 Jahren las er zum ersten Mal im Internet das Tagebuch eines trans Mannes. Das war der erste Moment, in welchem er das Gefühl hatte, dass das etwas damit zu haben könnte, wie er sich fühlte. Auch aus dem Grund, diesem immer noch häufigen Nichtwissen entgegenzuwirken, beschloss Linus, seine eigene Geschichte zunächst auf Twitter und kurzen Blogbeiträgen und schließlich auch in Buchform, niederzuschreiben.

Es ist nie zu spät
Linus‘ Buch ist keine klassische Autobiografie, sondern erzählt seine Geschichte ab dem Moment des Coming Outs. Er erzählt niedrigschwellig von seinen Erfahrungen, seinen Besuchen in Arztpraxen, was er erlebt hat, blickt zurück auf seine Kindheit und seine Gefühle. Linus möchte mit diesem Buch vor allem zeigen, wie unterschiedlich das Leben von trans Menschen aussehen kann und dass es ganz viele verschiedene Wege und Erfahrungen von trans Personen gibt. Er möchte anderen Menschen, die vielleicht merken, dass irgendetwas anders ist, die Angst nehmen und ihnen zeigen, dass alle Menschen und alle trans Erfahrungen valide sind – ganz egal, wie diese aussehen. Ganz besonders wichtig ist es Linus auch zu zeigen, dass es nie zu spät ist, irgendwann den eigenen Weg zu gehen – ganz egal wie alt man ist. Denn so ein Weg kann immer möglich sein. Die überwiegend positiven Rückmeldungen zu seinem Buch aus allen Altersklassen zeigen, dass Linus offensichtlich genau das sehr gut gelungen ist.

Netzwerke und Erfahrungsaustausch sind wichtig
Seine Coming Out-Geschichte und seine Schreibanfänge auf Twitter sowie in einem Blog zeigen, dass Social Media ebenfalls eine große Rolle in Linus‘ Leben spielt. Er erzählt uns, wie wichtig ihm der Austausch mit anderen Menschen aus der Community war und ist, besonders am Anfang seiner Transition. Bevor er nach Berlin kam, kannte er nur einen einzigen trans Mann persönlich. Mittlerweile ist er mit vielen Menschen befreundet, die er ursprünglich im Internet kennengelernt hat und die ähnliche Erfahrungen wie er gemacht haben. Gerade diese Netzwerke und Austauschmöglichkeiten sind wichtig und können vor allem für Menschen hilfreich sein, die noch mitten im Prozess sind, betont Linus.


Soziale Medien – Hilfe und Last
Dass er durch Social Media aber auch viel Hass erlebt und er diese Räume als sehr kräftezehrend und energieraubend wahrnimmt, möchte er nicht ausklammern. Gerade deswegen ist es ihm wichtig, offline eine Community zu haben, die ihm Kraft und Halt gibt und mit Menschen befreundet zu sein, die mit Social Media nichts zu tun haben. Dennoch sind Linus die positiven Seiten von sozialen Medien, die in aktuellen Diskursen häufig zu kurz kommen, wichtiger. Gerade die sozialen Medien haben auch zu einer größeren Repräsentation und Sichtbarkeit von trans Menschen beigetragen und dafür gesorgt, dass transfeindliche Zeitungsartikel, Berichte oder Äußerungen stärker und schlagfertiger kritisiert werden.

trans Personen und Feminismus
Auch die Frage, ob der Feminismus dazu beigetragen hat, dass mehr Wissen über und Akzeptanz von trans Personen auszumachen ist, beschäftigt Linus. Er selbst hatte lange Zeit keinen Bezug zu feministischen Positionen und hatte nicht wahrgenommen, dass Feminismus immer noch wichtig ist. Dass sich das geändert hat, hatte auch viel mit seinem Coming Out zu tun. Das Gefühl, selbst starke Ungerechtigkeit zu spüren, selbst ausgegrenzt, unsichtbar und nicht mitgedacht zu sein, führte dazu, dass er sich selbst stärker politisch engagierte. Auch hier macht er klar, dass es dafür nie zu spät ist – Hauptsache, man fängt irgendwann an zu hinterfragen und sich zu engagieren.

Feminismus und trans Feindlichkeit
Obgleich er eine Verbindung zwischen der Tatsache sieht, dass feministische Diskurse immer mehr in den Mainstream rücken und der Bereitschaft, sich Themen der queeren und trans Community zu widmen, nimmt Linus auch die entgegengesetzten Strömungen wahr.   Feminist*innen und feministische Gruppen, die trans Personen explizit ausschließen, sogenannte TERFs (Trans-Exclusionary Radical Feminists) verschärfen momentan den Konflikt und werden aktuell wieder stärker vernommen. Pauschal zu sagen, dass diese schlichtweg keine Feministinnen sind, findet Linus allerdings nicht richtig, obwohl er selbst der Meinung ist, dass es zum Feminismus dazugehört, alle Frauen und damit auch trans Frauen mitzudenken. Von der These auszugehen, dass die formulierten Ängste der TERFs berechtigt sind, hält Linus für den falschen Ansatz, da hinter diesen Ängsten, die meist nicht begründet werden können und irrational sind, im Endeffekt eine feindliche und diskriminierende Haltung gegenüber trans Personen steckt.

Gerade im Hinblick auf die teilweise wachsenden transfeindlichen Strömungen innerhalb des Feminismus würde sich Linus von Feminist*innen mit großer Reichweite wünschen, dass sie trans Personen noch mehr mitberücksichtigen und expliziter Stellung beziehen.

Die wichtige Rolle von gendergerechter Sprache
Wenn es um eine bessere Sichtbarkeit und Miteinbeziehung von trans Personen geht, spielt eine gendergerechte Sprache eine große Rolle, wie Linus in unserem Gespräch deutlich macht. Bei Sprache geht es eben nicht nur um Ästhetik, sondern auch darum, sich zu überlegen, wer eigentlich dabei gemeint ist und wer durch die Sprache sichtbar oder unsichtbar gemacht wird. Gendergerechte Formulierungen beeinflussen mehr als nur die sprachliche Ebene. Sie können weitergedacht auch große Auswirkungen darauf haben, welche Menschen sich trauen, bestimmte Räume aufzusuchen, Dienstleistungen anzunehmen oder Produkte zu kaufen.

Dass es bei gendergerechter Sprache schwierig ist, alles richtig zu machen, sieht Linus ebenfalls. Häufig sind gerade inklusiv gemeinte Formulierungen wie ‚Frauen*‘ oder ‚Männer*‘ verletzend, weil sie suggerieren können, dass trans Frauen oder trans Männer keine “richtigen“ Frauen oder Männer seien. Wichtig dabei ist Linus zufolge, sich immer genau zu überlegen, wer eigentlich mitgemeint sein soll und wer nicht und dies im Zweifelsfall auch genau so hinzuschreiben.

Viel bürokratische Hürden für trans Personen in Deutschland
Zum Ende des Gesprächs kommen Linus und Lea noch auf die vielen bürokratischen Hürden, die vor den Menschen liegen, die ihren Namen und Personenstand ändern möchten, zu sprechen. In Deutschland gibt es nach wie vor das Transsexuellengesetz, welches vorsieht, dass für eine Personenstands- und Namensänderung zwei Gutachten von zwei unabhängigen Psychiater*innen benötigt werden. Insgesamt kostet das zwischen 1500 und 3000 Euro. Dass völlig unbekannte Personen mithilfe von unklaren Kriterien beurteilen sollen, ob eine Person ihren Namen und Personenstand ändern darf, sieht Linus sehr kritisch. Er wünscht sich hier vor allem mehr Selbstbestimmung und einen einfacheren und kostengünstigeren Weg. Er erzählt, dass er selbst mithilfe des Paragrafen 45b seinen Namen und Personenstand geändert hat. Dafür musste er lediglich zu seiner Hausärztin gehen und sich ein Attest holen, das er im Standesamt vorzeigte. Dieser Weg ist mittlerweile leider kaum noch möglich, da die Politik die Standesämter nun dazu angehalten hat, sich zu weigern, diese Änderungen vorzunehmen.

Zum Schluss gibt Linus noch einmal den Menschen, die sich unsicher sind, ob sie trans sind oder sich damit beschäftigen, den Tipp, möglichst mit Personen, die in diesem Bereich schon Erfahrung haben, in den Austausch zu treten – ob auf Social Media oder offline. Wichtig ist sich zu vernetzen und zu versuchen, Gleichgesinnte zu finden. Schließlich ist so Einiges gleich viel einfacher, wenn man es nicht alleine bewältigen muss.

Der Paula Talk ist weiterhin in voller Länge auf unserem YouTube-Kanal zu sehen:

https://www.youtube.com/watch?v=dYlOsK8pAjI

Online-Tagung: „Einen neuen feministischen Aufbruch wagen?!“

Unter diesem Titel fand am 1. Oktober 2020 eine vom Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation mit dem Frauenzentrum Paula Panke e.V. und OWEN e.V. organisierte Online-Tagung statt. Der Grundsatz dieser Tagung lautete: „Mit Feminismus, ohne Patriarchat lebt es sich besser – hier und überall!“  Die drei Diskussionsrunden moderierten Astrid Landero und Kathrin Möller.

30 Jahre zurück…eine Zeit der großen Utopien

In der ersten Diskussionsrunde erinnert sich Marina Grasse, die erste und letzte Staatssekretärin für Gleichstellungspolitik der DDR-Regierung, an ihre nur von Mai 1990 bis Oktober 1990 dauernde Amtszeit: Eine Zeit der Unklarheit, da es weder Struktur noch Rahmen gab. Und eine Zeit der Fragen welche Form von Transformation dieser Umbruch für die Frauen und generell für alle bedeuten würde.

Tanja Berger, Astrid Landero und Marina Grasse im Gespräch
Tanja Berger, Astrid Landero und Marina Grasse im Gespräch

Auch die Bildungsreferentin Tanja Berger ist der Meinung, dass es sich um einen weiteren Aufbruch handelt. Für sie persönlich gingen mit der Wende viele Türen auf, so dass auf einmal alles möglich war.

Als Frau aus dem Westen betont die Autorin und Wissenschaftlerin Dr. Gisela Notz, dass es einen weiteren feministischen Aufbruch gegeben hat und hebt dabei den bundesweiten Frauenstreik von 1994 hervor. „Da ging es um alles und der wurde einfach vergessen.“ Einig sind sich die drei Frauen, dass es eine Zeit der großen Utopien war.

An Bestehendes anknüpfen und Erreichtes würdigen

Mit der Frage, wo wir in der feministischen Bewegung stehen, eröffnet Astrid Landero die zweite Diskussionsrunde des Tages.

Anne Wizorek, Astrid Landero und SOOKEE im Gespräch
Anne Wizorek, Astrid Landero und SOOKEE im Gespräch


Die feministische Künstlerin und Rapperin SOOKEE will sich nicht mehr nur auf Wut und Beschwerde konzentrieren, sondern lieber den Fokus darauflegen, was gut läuft. Denn wir sind bereits mittendrin im Aufbruch und sollten nicht nach dem Neuen suchen, sondern an das Bestehende anknüpfen.

Dass nicht nur das Neue gut ist, hält auch die feministische Netzaktivistin Anne Wizorek für richtig. Dennoch könne Wut auch als Motor funktionieren, um voranzukommen. Zudem merkt sie an, dass viele, die die feministischen Kämpfe angeführt haben, immer noch nicht gesehen werden. Gerade über Intersektionalität, also die Benachteiligung auf verschiedenen Ebenen, sollte aktuell in den Diskussionen mehr thematisiert werden.

Mittendrin im feministischen Aufbruch

In der letzten Gesprächsrunde erinnert sich die polnische Aktivistin Anna Stahl-Czechowska von agitPolska e.V. , dass die feministischen Bewegungen aus polnischer Perspektive immer ein Erfolg waren. Das große Thema für sie ist: „Parität kommt nicht von allein!“

Lea Marignoni, Astrid Landero und Anna Stahl-Czechowska im Gespräch
Lea Marignoni, Astrid Landero und Anna Stahl-Czechowska im Gespräch

Für Lea Marignoni, eine Umweltaktivistin, Feministin und Vorstandsfrau von Paula Panke e.V., ist vor allem der intersektionale Feminismus sehr wichtig. Es müssen Verbindungen geknüpft werden, da es eben „viele brennende Themen“ gebe und es daher wichtig sei, dass die Kämpfe zusammengedacht und anschließend weitergedacht werden.

Auch wenn jetzt die Zeit eines Generationswechsels ist, sollte nicht vergessen werden, dass wir zwar teilweise noch die gleichen Kämpfe führen, aber eben auch schon viel erreicht haben.

Und so endet die Tagung, wie sie begonnen hat: Mit Feminismus, ohne Patriarchat lebt es sich besser – hier und überall! Alle teilnehmenden Frauen waren sich einig: Wir befinden uns bereits mittendrin im feministischen Aufbruch!

Logo Stiftung Lotto
Logo Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung

Paula Talk: Gendermarketing in Kinder- und Jugendliteratur

Mirai ist gerade 14 Jahre alt geworden. Mit 5 hat sie sich das Lesen selbst beigebracht und verschlingt seitdem ein Buch nach dem anderen. Weil ihr Lesehunger so groß wurde, begann sie für 2 Buchläden in Berlin und für Verlage Rezensionen gegen Bücher zu schreiben. Als dann noch Interviews mit Autor*innen dazu kamen, wollte sie den vielen Inhalt für andere sichtbar machen und startete im Frühjahr 2018 ihren Blog „Lass mal lesen!“ und zeitgleich ihren Instagram-Account @lesehexemimi, auf dem sie täglich spannende Inhalte veröffentlicht.

Mirai Mens, feministische Bloggerin, privat
Foto: privat


Wir sind auf sie aufmerksam geworden, weil sie sich als junge Pankowerin auch sehr konkret zu feministischen und gendergerechten Themen äußert. Im Paula Talk am 25. September 2020 hat sie uns mehr dazu erzählt.

Mirai interessiert sich für gesellschaftspolitische Themen wie Diversität, Generationengerechtigkeit, Umweltschutz und sie engagiert sich gegen Gendermarketing bei Verlagen und in Buchhandlungen. Denn sie ärgert sich, dass es oft getrennte Büchertische für Jungs und Mädchen gibt. „Bücher sind für alle da. Niemand sollte vorschreiben, wofür sich Jungs und Mädchen interessieren und was sie lesen sollen“, meint sie.

Mirai selbst mag gern Bücher, in denen es um Diversität und starke Protagonistinnen geht. Auch Technik- und Fantasy-Bücher interessieren sie, die gern mal auf den Jungs-Tischen liegen. Pferde-Geschichten findet sie dagegen eher nicht so spannend.

Sie ist inzwischen eine bekannte Bloggerin und ihre Meinung zählt. In Medien wie dem ZEIT-Magazin und dem ZDF-Morgenmagazin wurde bereits über sie berichtet. Für Thalia hat sie einen Bloggertisch mit Buchempfehlungen für Kinder und Jugendliche gestaltet, der bundesweit in 40 Filialen zu sehen war.

Die Gelegenheit nutzte sie gleich, um in der Berliner Marketingzentrale der Buchhandelskette einen offenen Brief abzugeben, den sie gemeinsam mit jungen Instagrammern verfasst hat – den „Young Bookstagram“. In dem Brief wandten sie sich gegen das Gendermarketing in den Filialen. Das Ergebnis: Die Pressesprecherin der Buchhandelskette hat versprochen, bundesweit keine Gendermarketing-Materialien mehr zu verbreiten. Yeah!

Im Paula Talk haben wir uns nicht nur über Mirais Aktivitäten gegen Gendermarketing unterhalten, sondern sie hat uns auch Bücher mitgebracht und vorgestellt. Ein Buch für Kinder „HERSTORY“ hat sie besonders begeistert –  nicht nur wegen der schönen Gestaltung, sondern auch wegen des Inhalts: Es werden starke Frauen aus der Geschichte und Gegenwart porträtiert. Was ihr nicht gefallen hat: Der Verlag hat bei Frida Kahlo das Thema Queerness ganz rausgelassen. Mirai hat das nicht gefallen. Sie meint: „Kinder verstehen, was Liebe ist. Hier sollte man keinen Unterschied machen.“

Der Paula Talk mit Mirai – leider war das WLAN nicht stabil



Überhaupt nimmt Mirai beim Lesen die Bücher gern in die Hand: „Sie fühlen sich gut an und riechen gut.“ Nur selten greift sie auch zu einem elektronischen Gerät. Neben der Young Bookstagram-Community hat sie Gastautor*innen wie ihre kleine Schwester, die Bücher für ihren Blog vorstellen, für die sie selbst sich nicht so begeistern kann. Oder die sie nicht schafft zu lesen – obwohl sie das in jeder freien Minute tut und so 10 bis 20 Bücher im Monat schafft.

Mirai findet, es sollte insgesamt mehr über Tabuthemen im Bereich Feminismus, Gleichberechtigung zwischen Geschlechtern, verschiedene Herkunft, Behinderung, andere Religionen, Rassismus und auch Nachhaltigkeit geschrieben werden.

Vielleicht gibt es bei Paula Panke bald eine kleine Gruppe von jugendlichen Aktivistinnen, die sich regelmäßig treffen?

Konferenz „Frauenräume überall“: 30 Jahre ostdeutsche Frauenprojekte

Postkarte: Akteurinnen des Wandels (c) Henriette Artz

Diese Konferenz sollte eine große werden und ein Wiedersehen vieler Aktivistinnen sein, die sich seit 30 Jahren vom Kap Arkona bis Suhl für die Rechte und die Gleichstellung von Frauen in den neuen Bundesländern engagieren. Doch Corona machte auch hier einen Strich durch die Rechnung:

Am 19. September 2020 konnten nur wenige bei der Konferenz
„Akteurinnen des Wandels – 30 Jahre ostdeutsche Frauenprojekte“ vor Ort in der Berliner Kulturkantine dabei sein – eine Konferenz, die das Frauenzentrum Paula Panke mit Unterstützung der Rosa Luxemburg Stiftung organisiert hat. Doch auch das machte Corona möglich: die Konferenz fand zeitgleich digital statt und alle Redebeiträge wurden aufgezeichnet.

Federführend organisiert und moderiert hat die Konferenz Astrid Landero, die bis März 2020 Geschäftsführerin des Frauenzentrums Paula Panke war. Sie eröffnete die Konferenz mit einem kurzen Rückblick auf die Gründungsgeschichten der ostdeutschen Frauenprojekte.

Astrid Landero, Foto: Paula Panke
Astrid Landero
Foto: Paula Panke

Ein kurzer Rückblick
„Der im Dezember 1989 gegründete Unabhängige Frauenverband (UFV) sowie Festlegungen der Runden Tische in den letzten Tagen der staatlichen Existenz der DDR waren die politische und ökonomische Voraussetzung für die Gründung von ca. 90 Frauenprojekten von Kap Arkona bis Suhl zu Beginn der 1990iger Jahre. Es waren Jahre dramatischer gesellschaftlicher Umbrüche, gekennzeichnet durch Massenarbeitslosigkeit, Schließung von Kindereinrichtungen sowie einem komplett neuen Rechts- und Sozialsystem. Das ergab einen Riesenbedarf nach Rechts- und Sozialberatung, Kinderbetreuung, Weiterbildung, kultureller und politischer Bildung, Kommunikation und Austausch sowie Schutz vor häuslicher Gewalt“, erzählte Landero und übergab das Wort an Daniela Trochowski von der Rosa Luxemburg Stiftung.

Daniela Trochowski, Rosa Luxemburg Stiftung, Foto: Paula Panke
Daniela Trochowski
Rosa Luxemburg Stiftung
Foto: Paula Panke

1990 lagen Gewinne und Verluste nah beieinander
Daniela Trochowski stellte fest, dass für die ostdeutschen Frauen Gewinne und Verluste vor 30 Jahren nah beieinander lagen. Bei den Verlusten wogen vor allem der von verantwortungsvoller Arbeit und sicherer Kinderbetreuung schwer. Auf der anderen Seite gab es neue Chancen und diese wollten die unabhängigen und selbstbestimmten ostdeutschen Frauen nun in allen Bereichen ihres Lebens selbst in die Hand nehmen. Dabei spielen die Frauenprojekte bis heute eine wichtige Rolle: als Ort der Beratung, der Solidarität und des Austauschs.

Heike Gerstenberger
Foto: Paula Panke
Heike Gerstenberger
Foto: Paula Panke

Handlungsfähig nur mit vorhandenen Frauenstrukturen
Gleich im Anschluss kam Heike Gerstenberger zu Wort, die seit 30 Jahren als Gleichstellungsbeauftragte im Bezirk Pankow tätig ist. Für sie sind von Beginn ihrer Tätigkeit an bis zum heutigen Tag die Frauenprojekte die wichtigsten Bündnispartnerinnen.

„Meine Erfahrung zeigt: Ohne diese Frauenstrukturen sind Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte – in der Mehrzahl Einzelkämpferinnen – nur sehr eingeschränkt handlungsfähig. Nur durch den engen Kontakt zu Frauen unterschiedlichen Alters und sozialem Hintergrund wissen die Projektmitarbeiterinnen um deren Bedarfe, Probleme und Sorgen, die dann durch die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten aufgegriffen werden können“, hält Gerstenberger gleich zu Beginn ihrer Rede fest.

Als sie 1990 mit ihrer Arbeit im Bezirksamt anfing, wusste kaum jemand mit ihrem Tätigkeitsfeld etwas anzufangen. Also begann sie mit stiller Lobbyarbeit nach innen und außen.

„Oft musste im Detail nachgezeichnet werden, wie sehr scheinbar allgemein gültige Reglungen tatsächlich aus der Interessenslage von Männern entwickelt worden sind. Vor 1990 gab es keine Frauenhäuser, keine Beratungsstellen für Frauen und auch keine offiziellen Orte, an denen sich Frauen treffen konnten, so wie wir sie heute kennen. Die umfassende Politisierung und vor allem die Aufbruchstimmung bewirkten ein hohes Maß an Eigeninitiative und den Mut neue Strukturen von und für Frauen zu schaffen“, blickt Heike Gerstenberger heute zurück.

Frauenprojekte sind Orte der Beratung UND der politischen Diskussion
Es ging damals vorrangig um die Legitimation von Frauenstrukturen und Frauenorten sowie das Erstreiten von Zuwendungen für Personal und Miete für diese neu geschaffenen Räume. Die ersten Arbeitsschwerpunkte für die Projektmitarbeiterinnen und Gleichstellungsbeauftragten in den Berliner Bezirken und neuen Bundesländern waren, über das neue Rechtssystem zu informieren sowie die neuen Strukturen von Sozial-, Arbeits- und Jugendamt zu erklären.

„Dabei waren wir oft gerade mal einen winzigen Schritt den Frauen voraus, die zu uns in die Beratung kamen“, erinnert sich Heike Gerstenberger. Zurückblickend hat sich in den ehemals Ostberliner Bezirken eine gut funktionierende Fraueninfrastruktur etabliert. Auch das Pankower Frauennetzwerk ist gewachsen. Durch die Sparzwänge der öffentlichen Hand in den vergangenen Jahren sei der Kampf um ihren Fortbestand jedoch immer zeitaufwendiger.

Wichtig ist es Heike Gerstenberger festzuhalten, dass es den Projektfrauen nicht allein darum ging und geht, Frauen einen Raum für Informationen, Beratung und Austausch zu geben. Noch wichtiger ist es, mit den Angeboten gesellschaftskritische und feministische Diskussionen sowie Auseinandersetzungen anzustoßen. Kurz: es gehe um politisches Engagement.

„Gemeinsam müssen alle Frauen gemeinsam aktiv und laut werden in einer Zeit, in der viele frauenpolitische Errungenschaften wieder infrage gestellt werden, in der wir tagtäglich mit verdeckten und offenen Formen des Antifeminismus – zu weiten Teilen aus der bürgerlichen Mitte – sowie mit offen rechtsradikalen Angriffen konfrontiert werden“, mahnte die Gleichstellungsbeauftragte.

Dr. Franziska Schutzbach
Foto: Paula Panke
Dr. Franziska Schutzbach
Foto: Paula Panke

Ursachen von Antifeminismus und Frauenfeindlichkeit
Das war eine gute Überleitung zu dem Vortrag von Dr. Franziska Schutzbach , die nach der Pause aus wissenschaftlicher Sicht über die Ursachen von Antifeminismus und Frauenfeindlichkeit sprach.

Gleich zu Beginn ihres Vortrags verweist die Wissenschaftlerin auf Parallelen aktueller Entwicklungen und Debatten im europäischen Raum zum Antimodernismus des Fin de Siècle zu Beginn des 20. Jahrhunderts, indem sie die bis heute populäre Heidi-Geschichte untersucht.

Diese entfalte die Idee eines natürlichen harmonischen Urzustand. Heidis Begegnung mit einer modernen urbanen Welt ist eine traumatische Erfahrung und bringt keine Veränderung, sondern ist schlecht und bedrohlich.

„Heidi steht für das, was Adorno „Selbstidentität“ nannte: für die Sehnsucht danach, dass Gefühl, Denken und Erleben übereinstimmen und nicht irritiert werden durch die Möglichkeit des Andersseins, der Veränderung.“

Vom Antifeminismus zu Anti-Gender
Auch heute werde, so Schutzbach, verstärkt ein Wertezerfall beschworen und damit die Vorstellung verbunden, es gäbe so etwas wie eine natürliche, also vor-gesellschaftliche, vor-politische Ordnung, die nun durch äußere und innere Feinde korrumpiert werde – zum Beispiel durch „die Lügenpresse“, „die Scharia“, „den Staat“, „Flüchtlinge“ oder durch Feminismus und Gleichstellung.

Heute beobachtet die Wissenschaftlerin eine Akzentverschiebung vom Antifeminismus hin zu Anti-Gender. Da heute eine offensive Infragestellung von Gleichheit nicht mehr mehrheitsfähig sei, werde die Betonung von ‚natürlichen‘ Geschlechterdifferenzen relevant.

„Die neue Rhetorik gegen Gender schafft den (sehr schlauen) Spagat, gleichzeitig für Gleichstellung und gegen Gleichstellung zu sein. (…) Genderismus ist in dieser Logik das neue Feindbild, ein ‚ausgearteter Feminismus’, der zu weit geht, weil er auch noch Frauen und Männer abschaffen will, oder Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit nicht mehr als Norm akzeptiert.“

Seit einigen Jahren fänden diese Diskurse Anklang in allen gesellschaftlichen und politischen Milieus.

„Antifeminismus und Anti-Gender haben offensichtlich eine Scharnierfunktion und bilden eine Art gemeinsamen Nenner für sehr unterschiedliche Lager.“

Übliche Argumentationsmuster von Anti-Gender
Das wirke sich auf politische Institutionen aus, weil Genderforschung anerkannt und Bestandteil institutioneller Abkommen geworden sei. „Dies macht ‚Gender‘ zum geeigneten Feindbild anti-etatistischer Rhetorik: die Rede ist von einer ‚Indoktrination von oben‘ – wahlweise durch die Brüsseler EU-Bürokratie oder den Staat. Gender sei Teil einer ‚Staatsräson‘.“

Fundamentalistische Akteur*innen warnen vor Zerfall und Pluralisierung, wenn Geschlechterrollen hinterfragt und damit angebliche Grundfesten der Gesellschaft wie das Zusammendenken von Weiblichkeit und Mutterschaft sowie durch Sexualpädagogik an Schulen erschüttert werden.

In diese Argumentationsmuster gehört auch der Vorwurf der Gleichmacherei. „Ideen von Gleichheit und Gerechtigkeit werden pauschal des Totalitarismus verdächtigt und als demokratiefeindlich gebrandmarkt (Cancel Culture). An sich harmlose Anliegen – wie beispielsweise genderneutrale-Toiletten oder eine inklusive Sprache – gelten als gefährlich. Der inflationäre Gebrauch des Totalitarismus-Vorwurfs hat zur Folge, dass das Binnen-I oder der Gender_gap als die größten Feinde der freien Gesellschaft erscheinen“, stellt die Wissenschaftlerin fest.

Der Zusammenhang von Antifeminismus, Anti-Gender und Frauenfeindlichkeit (Misogynie)
Die Forschung beobachtet in den letzten 15 Jahren eine Zunahme des Frauenhasses. Das Internet wirke wie ein Resonanzverstärker. Das belegt eine Studie der EPFL Lausanne, der Binghamton University und University of Illionois von 2020, bei der 28 Millionen Posts auf frauenfeindlichen Foren untersucht wurden.

Radikalisierung, Gewalt und Mord aus misogynen Communities wie den INCELs (INvoluntary CELibate) sind keine Seltenheit.

„Sie (die INCECLs, NB) sehen sich als Opfer einer zu weit gegangenen Emanzipation, die angeblich dazu führt, dass Männer ‚wie sie‘ keine Chancen mehr haben.“

Eng verbunden mit den grundlegenden Mustern misogyner Weltanschauung seien bestimmte Konzepte und Bilder von Männlichkeit, argumentiert die Wissenschaftlerin Schutzbach weiter. In der bürgerlichen Gesellschaft herrsche ein Männlichkeitsideal vor, das durch eine hierarchische Abgrenzung zur Weiblichkeit entsteht. „Unmännlich ist, was Anzeichen von Weiblichkeit aufweist“. Eine abwertende Positionierung gegenüber Weiblichkeit ist also nicht nur eine Merkmal frauenverachtender Extremisten, vielmehr ist sie dem ganz ‘normalen’ bürgerlichen Männlichkeitsideal inhärent eingeschrieben.“  

Da in den vergangen Jahrzehnten Frauen in Sachen Gleichstellung immer mehr aufgeholt haben, geraten zentrale Bereiche männlichen Selbstwerts und männlicher Vorherrschaft unter Druck. Auch die #metoo Debatte sei Ausdruck dieses Wandels, da Frauen eben nicht mehr übergriffiges und offensives Flirtverhalten tolerieren.

„Viele Männer hadern ernsthaft damit, dass Frauen heute nicht nur Konkurrentinnen auf dem Arbeitsmarkt, in der Politik oder in zivilgesellschaftlichen Debatten sind, sondern dass sie auch zunehmend selbstbewusst und selbstbestimmt ihr Leben und ihre Sexualität leben.“

Frauenhass kann grundsätzlich alle Frauen treffen, besonders aber jene, die sich nicht weiblichkeitskonform verhalten, so Schutzbach. Sie unterwanderten traditionelle Geschlechterrollen, etwa indem sie laut sind, männliche Vorherrschaft kritisieren, öffentliche Aufmerksamkeit, Deutungshoheit, Einfluss und Macht beanspruchen.

In der traditionellen Aufteilung schuldeten Frauen der Gesellschaft, der Familie, den Männern Aufmerksamkeit, Liebe, Fürsorge und Sex.

„Wenn Frauen ihre zugewiesenen Plätze verlassen, können sich Männer der weiblichen Fürsorge, Zuneigung und Anerkennung nicht (mehr) sicher sein. Das macht Männern schmerzhaft ihre eigene Abhängigkeit und Bedürftigkeit bewusst. Frauen rücken dadurch aus der männlichen Sicht tatsächlich in eine Machtposition. Sie können Liebe entziehen, Fürsorge verweigern und Ansprüche stellen“, argumentiert die Wissenschaftlerin.

Die gängige Strategie der Täter-Opfer-Umkehr ermögliche es, dass Menschen, die strukturelle Nachteile und Angriffe erfahren, zu den eigentlichen Tätern erklärt werden. Diese Strategie erlaubt es nicht nur, Ressentiments und Abscheu ungefiltert freien Lauf zu lassen. Sie macht auch möglich, dass Hass als Gegenwehr, als eine Tugend, und als Heldentat erscheine.

Den gesamten Vortrag von Dr. Franziska Schutzbach könnt ihr euch auf unserem YouTube-Kanal anhören und ansehen. ->LINK

Abschließende Worte von Astrid Landero

Frauenprojekte sind heute anerkannte Partnerinnen der Politik. Sie selbst empfinden sich als politische Einrichtungen für Gleichstellung und gegen Gewalt, als Orte des Diskurses für eine offene und diverse Gesellschaft sowie der Solidarität mit geflüchteten Frauen.

Die ostdeutschen Frauenprojekte stehen insbesondere für einen Feminismus in den Farben Ostdeutschlands. Sie kritisieren die bestehenden Verhältnisse und fordern vor allem eine ökonomische Unabhängigkeit für Frauen sowie die Verbesserung ihrer Erwerbsbedingungen.

Aktuell nehmen die Angriffe von „Rechts“ gegen Frauenprojekte wieder zu: Mit parlamentarischen Anfragen wird versucht, die Legitimität ihrer Existenz und ihre Förderung infrage zu stellen. Hinzu kommen digitale Attacken gegen Gender und Feminismus sowie deren Akteur*innen.

Heute ist es mehr denn je notwendig, dass sich Frauenprojekte austauschen, zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen. Vielleicht war diese „ungewöhnliche“ Konferenz in „ungewöhnlichen“ Zeiten ein kleiner Auftakt für einen neuen gemeinsamen Aufbruch.