Offensiv leben – offensiv wohnen – ein Wohnprojekt in Britz

Ortolanweg steht auf dem Zettel. Die Adresse des „Offensiv leben-offensiv altern“ Wohnprojektes  ist nach einem Vogel benannt, der einen rosa Bauch und Schnabel hat. Nicht ganz alltäglich also. Von Pankow brauchen wir mit S-Bahn und Bus ein bisschen mehr als eine Stunde.  Berliner besuchen nicht oft andere Teile Berlins, wenn sie dort nichts Konkretes zu tun haben und einige erinnern sich, dass es schon  Jahre zurück liegen muss, als sie mal in Britz vorbei schauten.  Die Fahrt  geht quer durch Berlin und die Sprachen und Dialekte der anderen Passanten in der BVG wechseln mehrfach.  In Britz wird wieder berlinert, obwohl die Färbung anders ist als in Pankow, wo man den französischen Einschlag in den Zischlauten und im Singsang noch hört. In Britz knacken die Berliner die Konsonanten ohne Schnörkel. Aber wer ist schon Urberliner? In unserer Gruppe nicht eine Einzige.

Angekommen im Ortolanweg wird uns die Tür offen gehalten und wir werden sehr herzlich begrüßt. Eine schöne Geste, die auch den praktischen Hintergrund hat, dass wir nicht gleich die Treppe hinunter stürzen wie ein Kinderwagen und Rollatoren vor uns – glücklicherweise leer. Der Architekt geht vermutlich  ohne diese Dinge durch Türen und plante den Eingang etwas zu klein wie die Bewohnerinnen später anmerken.  Gerade ein gut gestalteter Eingang gibt Gelegenheit zu zufälligen Begegnungen und wenn er zu klein gerät, dann bleibt er nur ein Durchgang und leblos.

Über eine Treppe und einen Glasgang erreichen wir den einladenden Hofgarten, der auf 2000 Quadratmeter Platz für Erholung, Gartengestaltung  und Gemeinschaftsleben lässt. Eine Gruppe traumhaft riesiger  Weiden lädt zum Klettern ein und spendet dem Spielplatz und einem Tisch Schatten. Nebenan ein Kindergarten, dessen Nutzer  mittlerweile akzeptieren, dass es auch Grenzen gibt.

Vor der Gartenbesichtigung haben wir uns bei Kaffee und Kuchen bekannt gemacht mit den Bewohnerinnen, die uns auf Anhieb sympathisch waren. Auch sie halten viel davon, Gespräche mit Speisen zu verbinden und schätzen die entspannte Atmosphäre solcher Runden.

Fünf der Bewohnerinnen leiten uns durch das Haus. Zwei von ihnen sind gehbehindert und begleiten  uns  über das ausgeklügelte Aufzugs- und Flursystem.  Wir nehmen die Treppen und gelangen an bunt gestalteten Flurwänden und Türen vorbei. Wir stehen in einem großen Gemeinschaftsraum, der mindestens so groß wie der Veranstaltungsraum  von Paula Panke ist und erkennen an den Wänden liebevoll  gemalte Porträts unserer Begleiterinnen wieder.  Ein altes Klavier zieht den Blick auf sich, doch aufgrund der wechselnden Raumtemperaturen ist es stets verstimmt. Der helle, fast fünf Meter hohe Raum mit riesigen Fenstern ist optimal geeignet für körperliche Bewegung und wird von den Bewohnerinnen für Parties oft genutzt. Die Frauen mussten eine Styropordecke einziehen lassen, da die Akustik am Anfang die Verständigung verhinderte. Ein kleiner verglaster Raum, der sich auf einer Empore befindet, bietet bspw. einer kleineren Gruppe schreibender Frauen Platz zum Gedankenaustausch.

Gegenüber dem Gemeinschaftsraum, den die Wohnungsgenossenschaft zur Verfügung stellt, befindet sich ein kleines Gastzimmer, das Verwandten und Freunden Übernachtungsmöglichkeiten bietet. Die Bewohnerinnen haben es aus einer Abstellfläche gewonnen, die knapp sind in dem Wohnhaus. Das ganze Wohnprojekt ist der Genossenschaft zugehörig und darf entscheiden, wer in das Projekt einzieht.  Zu dem wichtigsten Auswahlkriterium für neue Mieterinnen gehört das richtige Bauchgefühl, das bisher immer zu guten Entscheidungen geführt hat.  Wir gelangen zu dem anderen Eingang, der seit kurzem ebenfalls ein schwarzes Brett aufweist. Nun müssen die Informationen zwischen den beiden Eingängen für die 22 Wohnungen immer abgeglichen werden, um Lücken in der Kommunikation zu verhindern. Beim Überqueren eines  offenen Laubenganges entsteht bei uns der Eindruck in ein südliches Land gereist zu sein.

Gerda hat die schönste Terrasse im Haus und wir genießen den Ausblick auf die späte Nachmittagssonnen und den Anblick ihrer satten Balkonpflanzen. Schwierig gestaltet sich für sie der Übergang von der Wohnung auf die Terrasse, da die Stufen sehr hoch sind. Ihre Wohnung verfügt in jedem Zimmer über Fenster und ist sehr hell und luftig. Von ihrem Bett aus kann sie sogar in Baumkronen und in den Himmel sehen. Die Wohnung ist passgenau geschnitten für die ältere Frau und Übernachtungsgäste wie kürzlich ihr Sohn mit Frau schlafen dann im Gästezimmer.

Wir fahren mit dem geräumigen Aufzug und einem abgestellten Paket, das irgendwann mal ausgeladen wird, zu Maike in die Wohnung. Statt der Terrasse befindet sich dort das gemütliche Zimmer ihrer Tochter, bei dem der Architekt ruhig noch ein paar Oberlichter hätte setzen können, um das Wohnzimmer zu belichten. Überhaupt merkt man, dass sich die Frauen viel Gedanken gemacht haben über die Grundrisse und es wäre schön, wenn diese Art von Erfahrungen in übliche Baustandards aufgenommen würden. Wer legt denn überhaupt fest, dass eine Wanne unbedingt am Fenster sein soll, höre ich noch Gerda sagen und frage mich das auch zum ersten Mal.  Auch Maike hat einen charmanten, kleinen Balkon, auf dem ein Strandkorb zum Ausruhen, Träumen und Lesen einlädt. Farbige Wände geben der ganzen Wohnung einen warmen, südlichen Charakter.

Beim Verbschieden überlegen die Gastgeberinnen noch scherzend wo sie denn mit den Kindern die Fußball-EM schauen- ob in der einen oder anderen Wohnung.

Wieder im Lift, ist das Paket immer noch da und zeugt von Vertrauen und Großzügigkeit. Ich stelle mir gerade vor, wie lange in dem Aufzug einer Freundin in der Leipziger Straße ein Paket mitfahren würde bis jemand aus dem 17.Stock die Polizei alarmiert – vielleicht eine Viertelstunde.

Die Tür zu Ingrids Wohnung steht schon offen und wir durchqueren einen Flur, von dem ein geräumiges Schlafzimmer abgeht und ein Bad. Auch das Wohnzimmer ist im Vergleich zu den anderen Wohnungen groß, doch Ingrid bekam fast Platzangst als sie von einer großen 150 Quadratmeter Wohnung in diese zog. Den abgeteilten Wintergarten und eine schöne Eßecke nutzt sie kaum noch, da das Gehen sehr schwer fällt. Mitten im Zimmer ist ihr Lieblingsplatz auf einem bequemen Sessel. Auch hier überall Fenster, durch die das Licht in die Wohnung flutet. Ingrid ist viel gereist in jüngeren Jahren und hat ihre Erinnerungen daran in einer Schublade verstaut. Sogar Kuba war eines ihrer Reiseziele, das sie durchaus mit seiner, den westlichen Touristen zur Schau gestellten Fassade, durchschaut hat. Heute reist sie mit Seniorengruppen ab und an zu schönen Orten, die ganz nah liegen. Dann holt ein Bus die Seniorin ab im Ortolanweg.

Wir selbst  laufen nach schwesterlicher Verabschiedung vom Ortolanweg zum Bus, den wir gerade verpassen. Dabei atmen wir den Grillduft ein, den EM-Fans mit großem Eifer erzeugen. Auf die Frage nach dem Spielstand, kommt die, für Berliner typische Antwort: Null zu Null für Holland!

Eva Gerlach Juni 2012