Wohnen am Rande „Das Glück findet man nicht, das Glück findet einen“

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Fotos: Birgit Kahl

Sigrid Moser ist studierte Polonistin und wohnt leidenschaftlich gern in Schildow, einem zauberhaften Ort im Norden Berlins. Schon ihre Eltern wohnten im nahe gelegenen Mühlenbeck, was nicht unwichtig ist, wenn man hierher zieht. Obwohl Berlin nur eine knappe halbe Stunde entfernt ist, ticken die Uhren hier anders. Es gibt Familien, deren Namen seit hunderten von Jahren im Katasteramt verzeichnet ist. Es gibt Vierseithöfe, die wunderschön saniert, ebenfalls so lange stehen. Man blickt auf eine weite Wiese auf der Pferde stehen, wenn man im Garten von Frau Moser sitzt und es überkommt einen eine Sehnsucht und die Frage, warum man noch in der Stadt lebt. Frau Moser hatte auch in Berlin gelebt und das sogar über 40 Jahre lang.  In Mühlenbeck hatte sie noch einen kleinen Garten, die Verbindung war also nie ganz abgebrochen. Nach der Wende erging es ihr, wie vielen anderen in der DDR auch, sie verlor ihren Arbeitsplatz. „Man war es ja gar nicht gewohnt, arbeitslos zu sein.“ erzählt die große Frau mit einem nachdenklichen Lächeln. Eine ABM-Stelle war für sie die „Lebensrettung“ und für den Ort Mühlenbeck ein großer Glücksfall. Sigrid Moser wurde die Chronistin des Ortes und konnte 1994 eine umfangreiche Sammlung zu der wechselvollen Geschichte des Dorfes vorweisen.  Da ihre Familie von hier stammte, fassten die Bewohner sofort Vertrauen zu ihr und auch die Einbindung an die Gemeinde fiel ihr einfach. Was Mühlenbeck hatte, wollte auch Schildow haben und  so begann Sigrid Moser, zum Teil auf ehrenamtlicher Basis auch die Chronik für Schildow zu schreiben. Einen Abend in der Woche verbrachte sie zu dieser Zeit schon in Schildow. 1997 hatte sie auch diese Chronik fertig geschrieben.

Sie nennt es Zufall, dass sich ihr Traum, „im Alter auf die Felder zu gucken“, erfüllt hat. Ein Alteingessener bot ihr an, in einer ausgebauten Dachgeschosswohnung zu wohnen und so wurde sie 1999 selbst Schildowerin. Die Bushaltestelle nach Berlin ist ein Katzensprung von ihrer Wohnungstür entfernt und der letzte Bus fährt 1:05 Uhr. Wenn es länger dauert, ergibt sich bestimmt eine Mitfahrgelegenheit. Zu Geburtstagen wird die interessante, kontaktfreudige Frau eingeladen und jederzeit kann sie jemanden bitten, ihr etwas mitzubringen, falls es das nicht im Supermarkt nebenan gibt. Es ist alles in der Nähe und ihr ist es sehr wichtig selbständig zu sein.

Deshalb zieht sie auch 2010 in das Seitengebäude des Hofes, auf dem sie wohnt, in eine ebenerdige Wohnung. Auf einer Fläche von 50 qm finden sich viele  Zeugnisse ihrer Vorlieben: unzählige Werke klassischer Literatur, schöne gemütliche Möbel, feine Grafiken, geschmackvolle Keramik. Das einzige, was noch an den alten Pferdestall erinnert, sind die preußischen Kappen, die der Wohnung einen richtig ländlichen Charme verpassen. Als wir Sigrid Moser besuchen, klingelt die Nachbarin und gibt ihr ein Buch zurück. Für Sigrid Moser ist es wichtig, am gemeinschaftlichen Leben teil zu nehmen. Alle 14 Tage besucht sie ein Frühstück der Gemeinde. Alle bringen etwas mit und ein Euro wird gespendet.

Das Stadtgut Blankenfelde bietet attraktive Veranstaltungen und auch der Labsaal von Lübars ist gut erreichbar für sie.

Eva Gerlach, Juli 2011