Das Hexenhaus

Foto: Birgit Kahl

An den Wänden hängen schwarz-weiß Fotografien, die die ehemaligen Besetzerinnen vor 30 Jahren auf dem Christopher Street Day oder beim Ausbau des Hauses zeigen. Drei davon leben noch heute hier. Die übrige Besatzung hat gewechselt. Anfang der 80er standen viele Wohnungen in Kreuzberg leer und es war billiger sie irgendwann abzureißen als zu modernisieren. Oder aber die Eigentümer entschieden sich für Luxussanierungen, die für Mieter zu teuer wurden. Es war sehr schwierig überhaupt bezahlbaren Wohnraum zu finden. Das politische Klima war günstig in Westberlin, um Häuser zu besetzen, es wurde nicht geräumt und es gab eine Menge Unterstützer auch aus dem öffentlichen Leben Berlins darunter auch die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz. Als die Frauen das fast leere Haus besetzten, bekamen die noch vorhandenen Mieter, eine Hauswartsfamilie mit fünf Kindern, einen Blumenstrauß geschenkt. Die waren froh, dass jemand dort einzog und rückten die Schlüssel für die Wohnungen raus.  Der erste Winter war der härteste und die Frauen bewohnten nur ein Stockwerk. Sie wurden von anderen mit Holz oder Kohlen versorgt, bekamen Tipps für anfallende Reparaturen oder eingefrorene Wasserleitungen. Vor ihnen waren bereits 23 Häuser besetzt worden und es herrschte Solidarität untereinander.

Mit einem Bankkredit und vielen privaten Krediten wurde das Haus schließlich für 240 000 DM gekauft. Dazu ist der Verein „Hexenhaus“ gegründet worden.  Um die Förderungen des Landes  für die Sanierung des Hauses zu bekommen, leisteten die Frauen am Anfang 15 Selbsthilfestunden in der Woche. Sie bauten zuerst eine Heizung ein.  Insgesamt zahlte das Land Berlin 1,7 Millionen DM für die Modernisierung  von 27 Wohneinheiten. Bis heute gibt es nur wenige Drei-Zimmer-Wohnungen. Ziel ist, dass so viele Frauen wie möglich die Gelegenheit haben, hier zur Miete zu  wohnen. Der Verkauf von Wohnungen ist laut Satzung ausgeschlossen.

Die Vermietung der Wohnungen läuft bis heute über die privaten Netzwerke. Die Mieterin muss lesbisch sein. Mit diesem Anspruch ist das Projekt vor 30 Jahren gestartet und daran hat sich nichts geändert. In den Gründungsjahren war es Männern nicht erlaubt, in das Haus oder in den Garten zu kommen. Der ehemalige Hauswart hatte nie das Bedürfnis, in den Garten zu gehen.

Wer in das Haus einzieht, darüber bestimmen die anderen Mieterinnen. Alle sechs Wochen findet ein Plenum statt, um sich zu organisieren und abzustimmen.  Teilnahme am Plenum ist Pflicht. Wer auszieht, hat für ein Jahr ein Anrecht zurück zu kehren in die eigene Wohnung. Nach drei Jahren verfällt der Anspruch auf die eigene Wohnung. Danach wird die Wohnung an eine andere vermietet. Für ca. 30 Quadratmeter zahlt eine Mieterin 250,00 Euro warm.  Nur der Strom wird extra berechnet.   Es fällt sehr schwer, hier weg zu gehen.

Das Gemeinschaftsleben war früher intensiver. Am Anfang wurde auch auf einer Etage gewohnt und in einer Küche gekocht. Wände wurden durchbrochen, um gemeinschaftlich zu wohnen. Die Zeiten ändern sich und Bedürfnisse auch. Die Durchbrüche sind wieder geschlossen worden und es sind eher kleinere Gruppen des Hauses, die miteinander etwas unternehmen, da sie gleiche Interessen haben.

Unserer Gastgeberin  möchte gern wohnen bleiben und gemeinsam altern in dem Haus. An das Alter hatten die Besetzerinnen von damals am wenigsten gedacht. Eine Besucherin  kann deshalb nicht die Gemeinschaftsräume des Hauses besuchen, die im Dachgeschoss liegen. Über einen Aufzug haben die Frauen schon nachgedacht, es scheint für sie jedoch noch etwas weiter weg zu sein.

Eva Gerlach, Juni 2011