Solidarität endet nicht an Grenzen

Ein Erfahrungsbericht zum Weltgeflüchteten-Tag über die Situation von Menschen auf der Flucht in Bosnien

von Linda Ann Davis

Am 20. Juni ist der sogenannte Weltgeflüchteten-Tag, der zentrale internationale Gedenktag für alle Menschen auf der Flucht. So wichtig dieser Tag für eine größere Sichtbarkeit von Menschen auf der Flucht ist:  Es reicht nicht, sich nur an einem Tag im Jahr mit Menschen auf der Flucht zu solidarisieren und an sie zu denken. Eine Solidarisierung und eine Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation sollten eigentlich 365 Tage im Jahr stattfinden.

Bosnien 2021 – Foto: Linda Ann Davis

Um mich noch mehr mit der Situation von Menschen auf der Flucht speziell auf der Balkanroute und in Bosnien auseinanderzusetzen, bin ich im Mai 2021 für einen Monat in den bosnischen Kanton Una-Sana, der an der Grenze zu Kroatien liegt, gefahren. Ich wollte mich dadurch ganz direkt solidarisch zeigen. Und gleichzeitig wollte ich versuchen, die Menschen vor Ort, die über die Balkanroute nach Bosnien kommen, zu unterstützen, ihnen zuzuhören und ihre Situation sowie ihre Geschichten öffentlich zu machen.

Bosniens Rolle auf der Balkanroute
Seit mehreren Jahren versuchen Menschen aus beispielsweise Syrien, dem Irak, Iran, aus Pakistan, Afghanistan, Bangladesch oder Maghreb nicht nur über das Mittelmeer, sondern auch über die sogenannte Balkanroute in die EU zu gelangen. Seitdem Ungarn sich 2015 komplett abgeschottet hat und an seinen Südgrenzen zu Serbien und Kroatien hohe Zäune und Sperren errichtete, hat sich die Balkanroute mehr nach Westen verschoben und verläuft jetzt vorwiegend über Serbien, Bosnien, Kroatien und Slowenien. Bosnien stellt somit das letzte Nicht-EU-Land auf der Balkanroute dar. Aus diesem Grund befinden sich derzeit mehrere tausend Menschen in Bosnien, die hier auf ihrem Weg in die EU gestrandet sind. Von Bosnien aus versuchen sie „aufs Game“ zu gehen, wie sie es selbst bezeichnen. Das bedeutet, sie versuchen Landesgrenzen zu überqueren und somit in die EU zu gelangen -uerst nach Kroatien und dann weiter über Slowenien nach Italien. Ein „Game“ um Leben und Tod für manche Menschen auf der Flucht.

Menschenrechtsverletzungen an den Grenzen
Fast immer werden die Menschen, die hier versuchen in die EU zu kommen, von der kroatischen Grenzpolizei und dem europäischen Grenzschutz durch gewaltsame und illegale Push-Backs* zurück nach Bosnien gedrängt. Sie werden nicht nur häufig verprügelt, angeschrien und von Polizeihunden angegriffen, sondern die Grenzpolizist*innen nehmen ihnen auch ihr Geld, Schuhe, Kleidung und Rucksäcke ab und zerstören ihre Handys.
Verletzt und ausgeraubt werden die Menschen zurück nach Bosnien gebracht. So bald wie möglich versuchen sie wieder , die Grenze zu überqueren. Die meisten gehen erst einmal zu Fuß los, viele bis nach Zagreb und versuchen dort, irgendwie mit verschiedenen Verkehrsmitteln weiterzukommen. Einige gehen auch „Full Jungle“, was bedeutet, die gesamte Strecke bis nach Italien zu Fuß zurück zu legen. Eine ziemlich anstrengende, ermüdende und gefährliche Reise. Doch selbst wenn sie in Italien ankommen, sind sie noch lange nicht sicher. Öfter habe ich auch von sogenannten „Ketten-Push-Backs“ gehört. Das bedeutet, dass Menschen, die es bereits nach z.B. Slowenien oder Italien geschafft haben, dort von der Polizei aufgegriffen und zurück nach Bosnien gebracht werden. Auch diese Praktik ist illegal und stellt eine massive Menschenrechtsverletzung dar.

Leben in Squats in Bosnien, Foto: Linda Ann Davis


Viele Menschen auf der Flucht, die sich im Una-Sana-Kanton befinden, können oder wollen nicht in Camps untergebracht werden. Viele erzählen, dass ihnen der Aufenthalt manchmal verwehrt wird, dass sie mit den strikten Regeln nicht einverstanden sind oder dass die Camps schon voll sind. Diejenigen, die nicht in Camps untergebracht sind, leben meist in Squats, in selbstorganisierten, autonom geschaffenen Wohnräumen. Das sind entweder verlassene Häuser, Ruinen oder selbst gebaute Zelte im Wald.

Jahrelanges Festsitzen in Bosnien
Die Wahrscheinlichkeit, es schnell in die EU zu schaffen und vor allem weiter als nach, ist oft sehr gering. Manche Menschen, die ich in Bosnien traf, sind schon seit mehreren Jahren hier und noch länger unterwegs, manche erst seit ein paar Monaten. Alle geben die Hoffnung nicht auf, dass sie eine der sehr wenigen Personen sein könnten, die es tatsächlich schaffen. Manche erzählten mir, dass sie schon über 50-mal aufs Game gegangen sind. Und es in ein paar Tagen, wenn sie sich vom letzten Push-Back einigermaßen erholt haben, wieder versuchen. Viele kommen in dieser Zeit an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Kapazitäten. In Bosnien bleiben möchte niemand, alle möchten weiterziehen und diese Zeit in ihrem Leben endlich hinter sich lassen.

Internal Violence in Bosnien
Die Menschen im Una-Sana-Kanton erfahren nicht nur physische Gewalt, Diskriminierung und menschenverachtendes Verhalten an den Grenzen zur EU, sondern auch innerhalb des Landes. Das liegt unter anderem an dem oftmals offenen Rassismus und den rechtsnationalen Bestrebungen in Bosnien genauso wie an der inhumanen Abschottungspolitik der EU. Oft werden Squats, in denen Menschen sich aufhalten, gewaltsam von der bosnischen Polizei geräumt und Menschen auch innerhalb des Landes ihre Besitztümer abgenommen und zerstört.
Viele bosnische Einwohner*innen sind aber auch solidarisch, unterstützen die Menschen auf der Flucht mit Wasser, Essen oder Unterkünften und versuchen, Druck auf die Politik auszuüben.

Familien auf der Flucht
Obgleich die meisten Menschen junge Männer sind, die alleine nach Europa gekommen sind, habe ich auch einige Familien mit kleinen Kindern getroffen, die vor unaushaltbaren Situationen in ihren Heimatländern geflüchtet sind. Oft geht um Leben und Tod. Ich habe beispielsweise einen Mann aus Algerien getroffen, der mit seinen drei kleinen Söhnen, einer 8 und zwei 6, auf der Flucht ist. Die beiden sechsjährigen werden in Bezug auf ihre Kognition behindert, einer von ihnen hat einen sichtbaren Tumor am Kopf und muss dringend operiert werden, um zu überleben. Mit drei kleinen Kindern hat man noch schlechtere Chancen beim Game. In meiner Zeit in Bosnien ist die Familie auch losgegangen und hat es leider nicht geschafft, sondern wurde in Kroatien von der Polizei gestoppt und wieder nach Bosnien gebracht. Die extrem traumatisierende Situation der drei Kinder, die immer wieder losmüssen, die natürlich verstehen, dass es wirklich dringend ist und die immer wieder mit ansehen müssen, wie ihr Vater von der Polizei verprügelt und abgeführt wird, ist unvorstellbar.

Viele Familien haben mehrere Kinder, die jüngsten oft kaum ein Jahr alt. Zudem werden durch den mangelnden Zugang zu Verhütungsmitteln einige Frauen auf der Flucht schwanger, was sie in eine noch prekärere Situation bringt. Die kroatische Polizei schreckt auch bei schwangeren Frauen oder Kindern nicht vor extremer physischer Gewalt zurück.

„I just want to see my family. But this isn’t possible”
Menschen auf der Flucht wird das Recht auf Familie zudem auf verschiedene Weise immer wieder verwehrt: Sie werden auf der Flucht gezwungen, sich zu trennen oder müssen einzelne Familienmitglieder zurücklassen. Sie haben oft nicht die Möglichkeit, mit der Familie überhaupt in Kontakt zu sein und die Beziehungen zwischen Eltern, Kindern und Partner*innen leiden oftmals stark. Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die ihre Familie seit mehreren Jahren nicht gesehen haben, die furchtbar Heimweh haben und sich nichts mehr wünschen, als ihre Familie bald bei sich haben zu können oder wenigstens besuchen zu können.

Der Wunsch nach einem sicheren Zuhause
Ich habe während meines Aufenthalts sehr viele starke, coole, witzige, kämpferische Menschen kennengelernt, die mich sehr beeindruckt haben. Die nicht aufgeben, obwohl ihnen schon so viel Schlimmes widerfahren ist. Die immer noch die Hoffnung auf ein besseres Leben haben und die mit mir ihre Wünsche für die Zukunft teilen. Die meisten wünschen sich ein sicheres Zuhause, einen Job und dass sie respektvoll und menschenwürdig behandelt werden. Sie wünschen sich, irgendwo zu leben, wo sie nicht um ihr Leben fürchten müssen, wo sie nicht in Armut leben und wo sie Familie und Freund*innen um sich haben.

Politische Entscheidungen müssen sich ändern
Meine Zeit im Una-Sana-Kanton hat mir nochmal deutlich gezeigt: Humanitäre Hilfe wie das Verteilen von Essen, Kleidung usw. ist zwar sehr wichtig und wird dringend gebraucht. Aber für eine wirkliche Veränderung und Verbesserung dieser gesamten Situation müssen zunächst politische Entscheidungen auf EU-Ebene geändert werden, müssen die EU-Außengrenzen geöffnet werden, muss Frontex abgeschafft werden, darf die EU keine Waffen mehr in Krisengebiete liefern und sich daran bereichern und vor allem keine Menschenrechtsverletzungen wie Push-Backs zulassen und verneinen. Es muss vor allem ein Systemwandel und eine Umverteilung von Ressourcen passieren.

Niemand kann etwas dafür, auf welchem Fleck der Erde er*sie geboren wurde und aufgewachsen ist. Manche von uns haben Glück und werden nicht in einem Krisengebiet geboren. Menschen, die in der EU leben, sollten dieses Privileg verstehen, hinterfragen und schlussendlich nutzen, um andere Menschen zu unterstützen und um dafür zu sorgen, dass alle Menschen an einem sicheren Ort leben können.

Zeigen wir uns solidarisch mit Menschen auf der Flucht und unterstützen sie vor allem auch politisch, nicht nur heute, sondern täglich.

* Als Push-Backs wird das gewaltsame Zurückdrängen von ausländischen Personen ohne entsprechenden Aufenthaltstitel für das Zielland in Grenznähe bezeichnet. Diese Praktik steht im Gegensatz zum sogenannten „Grundsatz der Nichtzurückweisung“ der Genfer Flüchtlingskonvention für humanitären Umgang mit Menschen auf der Flucht und ist somit laut EU-Recht illegal.

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