Paula Talk mit Linus Giese: Mein Leben als trans Mann

von Linda Davis

Linus Giese ist 34, Blogger, Buchhändler und seit kurzem auch Autor. Sein erstes Buch „Ich bin Linus. Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war“ ist dieses Jahr im August erschienen.
Eigentlich hatte Linus nie vor, Autor zu werden. Durch sein Germanistik Studium wuchs zunächst seine Begeisterung für Bücher und er beschloss, nicht nur einen Buchblog zu schreiben, sondern nach dem Studium auch in den Buchhandel einzusteigen. Ein eigenes Buch hat er eigentlich nur geschrieben, weil sich immer mehr Menschen für seine Geschichte interessierten. Am 4. Oktober 2017, kurz nachdem er nach Berlin gezogen war, outete sich Linus nämlich als trans Mann.

Mit unserer Moderation und Mitfrau Lea Marignoni sprach Linus drei Jahre später, am 7. Oktober 2020, bei unserem letzten Paula Talk nicht nur über sein Buch und sein Coming Out, sondern auch über Transfeindlichkeit in feministischen Gruppierungen, die Wichtigkeit von gendergerechter Sprache und die bürokratischen Hürden Deutschlands.

Lea Marignoni und Linus Giese im Gespräch

Mit dem Coffee-to-go-Becher fing alles an
Das Cover seines Buchs ein Coffee-to-go-Becher mit seinem Namen drauf – ist bereits ein Hinweis auf die vielleicht etwas ungewöhnliche Art, wie Linus sich zum ersten Mal als trans Mann outete. Als er am 4. Oktober 2017 einen Kaffee bei Starbucks bestellte und die Bedienung nach dem Namen fragte, den sie auf den Kaffeebecher schreiben sollte, sagte er zum ersten Mal: „Ich heiße Linus.“ Genau diesen Becher fotografierte er danach, postete das Bild auf seinem Facebook-Profil und schrieb dazu, dass er von nun an Linus genannt werden wollte.

Fehlende Worte für die eigenen Gefühle
Im Rückblick auf seine Kindheit kann Linus in Retrospektive erklären, dass er eigentlich schon immer das Gefühl hatte, ein bisschen anders zu sein, sich für andere Dinge zu interessieren und es beispielsweise hasste, einen Badeanzug tragen zu müssen. In der Pubertät verstärkte sich sein Gefühl, sich im eigenen Körper gar nicht wohlzufühlen. Dass er trans sein könnte, kam ihm damals noch nicht in den Sinn. In den 1990er Jahren aufgewachsen hatte er keine Worte dafür, was es bedeutete, trans zu sein. Erst mit 16 Jahren las er zum ersten Mal im Internet das Tagebuch eines trans Mannes. Das war der erste Moment, in welchem er das Gefühl hatte, dass das etwas damit zu haben könnte, wie er sich fühlte. Auch aus dem Grund, diesem immer noch häufigen Nichtwissen entgegenzuwirken, beschloss Linus, seine eigene Geschichte zunächst auf Twitter und kurzen Blogbeiträgen und schließlich auch in Buchform, niederzuschreiben.

Es ist nie zu spät
Linus‘ Buch ist keine klassische Autobiografie, sondern erzählt seine Geschichte ab dem Moment des Coming Outs. Er erzählt niedrigschwellig von seinen Erfahrungen, seinen Besuchen in Arztpraxen, was er erlebt hat, blickt zurück auf seine Kindheit und seine Gefühle. Linus möchte mit diesem Buch vor allem zeigen, wie unterschiedlich das Leben von trans Menschen aussehen kann und dass es ganz viele verschiedene Wege und Erfahrungen von trans Personen gibt. Er möchte anderen Menschen, die vielleicht merken, dass irgendetwas anders ist, die Angst nehmen und ihnen zeigen, dass alle Menschen und alle trans Erfahrungen valide sind – ganz egal, wie diese aussehen. Ganz besonders wichtig ist es Linus auch zu zeigen, dass es nie zu spät ist, irgendwann den eigenen Weg zu gehen – ganz egal wie alt man ist. Denn so ein Weg kann immer möglich sein. Die überwiegend positiven Rückmeldungen zu seinem Buch aus allen Altersklassen zeigen, dass Linus offensichtlich genau das sehr gut gelungen ist.

Netzwerke und Erfahrungsaustausch sind wichtig
Seine Coming Out-Geschichte und seine Schreibanfänge auf Twitter sowie in einem Blog zeigen, dass Social Media ebenfalls eine große Rolle in Linus‘ Leben spielt. Er erzählt uns, wie wichtig ihm der Austausch mit anderen Menschen aus der Community war und ist, besonders am Anfang seiner Transition. Bevor er nach Berlin kam, kannte er nur einen einzigen trans Mann persönlich. Mittlerweile ist er mit vielen Menschen befreundet, die er ursprünglich im Internet kennengelernt hat und die ähnliche Erfahrungen wie er gemacht haben. Gerade diese Netzwerke und Austauschmöglichkeiten sind wichtig und können vor allem für Menschen hilfreich sein, die noch mitten im Prozess sind, betont Linus.


Soziale Medien – Hilfe und Last
Dass er durch Social Media aber auch viel Hass erlebt und er diese Räume als sehr kräftezehrend und energieraubend wahrnimmt, möchte er nicht ausklammern. Gerade deswegen ist es ihm wichtig, offline eine Community zu haben, die ihm Kraft und Halt gibt und mit Menschen befreundet zu sein, die mit Social Media nichts zu tun haben. Dennoch sind Linus die positiven Seiten von sozialen Medien, die in aktuellen Diskursen häufig zu kurz kommen, wichtiger. Gerade die sozialen Medien haben auch zu einer größeren Repräsentation und Sichtbarkeit von trans Menschen beigetragen und dafür gesorgt, dass transfeindliche Zeitungsartikel, Berichte oder Äußerungen stärker und schlagfertiger kritisiert werden.

trans Personen und Feminismus
Auch die Frage, ob der Feminismus dazu beigetragen hat, dass mehr Wissen über und Akzeptanz von trans Personen auszumachen ist, beschäftigt Linus. Er selbst hatte lange Zeit keinen Bezug zu feministischen Positionen und hatte nicht wahrgenommen, dass Feminismus immer noch wichtig ist. Dass sich das geändert hat, hatte auch viel mit seinem Coming Out zu tun. Das Gefühl, selbst starke Ungerechtigkeit zu spüren, selbst ausgegrenzt, unsichtbar und nicht mitgedacht zu sein, führte dazu, dass er sich selbst stärker politisch engagierte. Auch hier macht er klar, dass es dafür nie zu spät ist – Hauptsache, man fängt irgendwann an zu hinterfragen und sich zu engagieren.

Feminismus und trans Feindlichkeit
Obgleich er eine Verbindung zwischen der Tatsache sieht, dass feministische Diskurse immer mehr in den Mainstream rücken und der Bereitschaft, sich Themen der queeren und trans Community zu widmen, nimmt Linus auch die entgegengesetzten Strömungen wahr.   Feminist*innen und feministische Gruppen, die trans Personen explizit ausschließen, sogenannte TERFs (Trans-Exclusionary Radical Feminists) verschärfen momentan den Konflikt und werden aktuell wieder stärker vernommen. Pauschal zu sagen, dass diese schlichtweg keine Feministinnen sind, findet Linus allerdings nicht richtig, obwohl er selbst der Meinung ist, dass es zum Feminismus dazugehört, alle Frauen und damit auch trans Frauen mitzudenken. Von der These auszugehen, dass die formulierten Ängste der TERFs berechtigt sind, hält Linus für den falschen Ansatz, da hinter diesen Ängsten, die meist nicht begründet werden können und irrational sind, im Endeffekt eine feindliche und diskriminierende Haltung gegenüber trans Personen steckt.

Gerade im Hinblick auf die teilweise wachsenden transfeindlichen Strömungen innerhalb des Feminismus würde sich Linus von Feminist*innen mit großer Reichweite wünschen, dass sie trans Personen noch mehr mitberücksichtigen und expliziter Stellung beziehen.

Die wichtige Rolle von gendergerechter Sprache
Wenn es um eine bessere Sichtbarkeit und Miteinbeziehung von trans Personen geht, spielt eine gendergerechte Sprache eine große Rolle, wie Linus in unserem Gespräch deutlich macht. Bei Sprache geht es eben nicht nur um Ästhetik, sondern auch darum, sich zu überlegen, wer eigentlich dabei gemeint ist und wer durch die Sprache sichtbar oder unsichtbar gemacht wird. Gendergerechte Formulierungen beeinflussen mehr als nur die sprachliche Ebene. Sie können weitergedacht auch große Auswirkungen darauf haben, welche Menschen sich trauen, bestimmte Räume aufzusuchen, Dienstleistungen anzunehmen oder Produkte zu kaufen.

Dass es bei gendergerechter Sprache schwierig ist, alles richtig zu machen, sieht Linus ebenfalls. Häufig sind gerade inklusiv gemeinte Formulierungen wie ‚Frauen*‘ oder ‚Männer*‘ verletzend, weil sie suggerieren können, dass trans Frauen oder trans Männer keine “richtigen“ Frauen oder Männer seien. Wichtig dabei ist Linus zufolge, sich immer genau zu überlegen, wer eigentlich mitgemeint sein soll und wer nicht und dies im Zweifelsfall auch genau so hinzuschreiben.

Viel bürokratische Hürden für trans Personen in Deutschland
Zum Ende des Gesprächs kommen Linus und Lea noch auf die vielen bürokratischen Hürden, die vor den Menschen liegen, die ihren Namen und Personenstand ändern möchten, zu sprechen. In Deutschland gibt es nach wie vor das Transsexuellengesetz, welches vorsieht, dass für eine Personenstands- und Namensänderung zwei Gutachten von zwei unabhängigen Psychiater*innen benötigt werden. Insgesamt kostet das zwischen 1500 und 3000 Euro. Dass völlig unbekannte Personen mithilfe von unklaren Kriterien beurteilen sollen, ob eine Person ihren Namen und Personenstand ändern darf, sieht Linus sehr kritisch. Er wünscht sich hier vor allem mehr Selbstbestimmung und einen einfacheren und kostengünstigeren Weg. Er erzählt, dass er selbst mithilfe des Paragrafen 45b seinen Namen und Personenstand geändert hat. Dafür musste er lediglich zu seiner Hausärztin gehen und sich ein Attest holen, das er im Standesamt vorzeigte. Dieser Weg ist mittlerweile leider kaum noch möglich, da die Politik die Standesämter nun dazu angehalten hat, sich zu weigern, diese Änderungen vorzunehmen.

Zum Schluss gibt Linus noch einmal den Menschen, die sich unsicher sind, ob sie trans sind oder sich damit beschäftigen, den Tipp, möglichst mit Personen, die in diesem Bereich schon Erfahrung haben, in den Austausch zu treten – ob auf Social Media oder offline. Wichtig ist sich zu vernetzen und zu versuchen, Gleichgesinnte zu finden. Schließlich ist so Einiges gleich viel einfacher, wenn man es nicht alleine bewältigen muss.

Der Paula Talk ist weiterhin in voller Länge auf unserem YouTube-Kanal zu sehen:

https://www.youtube.com/watch?v=dYlOsK8pAjI

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