Paulas Kolumne: Bei Mutti in Quarantäne

Ach, hätte ich doch schnell noch den Akku des mobilen Telefons kontrollieren und den alten Laptop aufmöbeln lassen…

Paula mit Mundschutz

Jetzt stecke ich fest im Barnim, in Brandenburg, mitten in der Krise, ohne digitale Verbindung, bei Mutti.

Es hätte so schön werden sollen, mein neues Leben…

Bei Mutti statt auf Reisen


Alles begann mit dem Geburtstagsbesuch bei der hoch betagten Mutti, hinter den Bergen bei Eberswalde.

Danach sollte es für mich ab nach Chile gehen und vorher noch zwei Wochen Osterferien mit den Enkeltöchtern auf einer griechischen Insel.

Der Sommer dann wieder in Berlin oder irgendwo in der Uckermark…

Bei Mutti werde ich wieder zum trotzigen Teenager


Der Geburtstag von Mutti liegt nun schon 10 Wochen zurück und ich bin noch immer bei ihr – ohne Netz und doppelten Boden.

Sie wäscht meine Wäsche, kocht Spargel und Rouladen für mich. Wir reden viel, schlafen ausgiebig, essen fast ständig, lesen stundenlang und manchmal gehen wir zusammen spazieren.

Es ist fast wie in der Kindheit, bloß ohne Geschwister und Papa. Ich kehre auch gern mit 66 Jahren noch den trotzigen, ständig widersprechenden Teenager ‚raus. Sehr gern beim Thema DDR und was geschah vor 30 Jahren.

Flucht – und Angst sich zu verlaufen


Wenn es zu dicht wird, setze ich mich auf mein Rad und umkreise den Werbellinsee, den Grimnitzsee und alle übrigen Gewässer.

Wie als Kind habe ich manchmal Angst, den Rückweg nicht mehr zu finden und trete kräftig in die Pedale, um noch vor Einbruch der Dunkelheit das mütterliche Heim wieder zu erreichen.

Wir haben nur uns


Beide leiden wir unter der Kontaktsperre. Beide haben wir Enkelkinder und im Falle meiner Mutter natürlich Urenkel.

Wir haben nur uns, das ist viel, aber nicht ausreichend.

Bei Edeka treten wir als Bankräuber*innen Duo mit unseren selbstgeschneiderten Masken auf.

Berlin vermisse ich täglich schmerzlich mehr.

Die Stadt und meine Liebsten, die in ihr wohnen und sich fragen, warum sie nichts mehr von mir hören.

Drei Wochen offline hinterlassen Spuren im Herzen


Gestern habe ich ein neues schickes mobiles Telefon im gerade teilweise wieder eröffneten Media Markt von Eberswalde erworben.

Die Tränen kullerten als ich las, wer mich alles wie dolle vermisst und sich Sorgen macht. Seit drei Wochen nicht online, was ist los, fragt besorgt ein Ex- Geliebter.  Sah er mich schon in einem Sauerstoffzelt, der Besorgte?!  Die prominente Freundin glaubt mich dauerhaft in der Provinz versackt.

Abstaaaand!!! für die Risikogruppe


Die Enkelkinder in Berlin haben sich inzwischen dem risikoresistenten Opa zugewandt. Ich werde jedoch mit meiner Mutter der höchsten Risikogruppe zugeordnet, also Abstaaaand!!!


Den halten auch die Einheimischen ein, wenn ich einkaufe oder mein Rad losschraube. Da kommt schließlich die personifizierte Pest aus Berlin.

Ich grüße freundlich, manchmal kommt Antwort und doch ich bin eine Geflüchtete, Gestrandete.

Was wird aus der aufgeschreckten Gesellschaft?


Wann werde ich zurückkehren können, was wird aus meiner Mutti und der gesamten aufgeschreckten Gesellschaft? Wird mich Berlin noch aufnehmen?

So viele Fragen in diesem trockenen sonnigen Corona Frühling 2020…

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